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Film-Kritik: Caché: Versteckte Bedrohungen

zuletzt aktualisiert: 23.01.2006 - 09:44

Die lodernden Vorstädte in Frankreich vor einiger Zeit schockten nur die, die keinerlei Ahnung von der Politik und Geschichte hatten. Allen anderen war klar, dass Wut und Aggression der ewig  Benachteiligten eher früher als später in Gewalt enden mussten. Jetzt hat Regisseur Michael Haneke, bekannt für seine verstörenden Demaskierungen vordergründig "guter" Verhältnisse, wieder einmal voll drauf gehalten. Und mit seiner krassen Sicht auf die (nicht nur französischen) Verhältnisse die Zuschauer auch diesmal nicht verschont.

Die vermeintliche Normalität ist meist äußerst zerbrechlich: Im Mittelpunkt der Handlung steht George, ein recht beliebter TV-Literaturmoderator, der mit seiner schönen Frau und dem schon pubertierenden Sohn in komfortablen Verhältnissen in einem besseren Pariser Stadtteil wohnt. George wird plötzlich konfrontiert mit merkwürdigen Video-Bändern, die nichts anderes zeigen als die Eingangstür des Hauses, in dem er wohnt. Die Botschaft der anonym zugeschickten Bänder ist klar: Die Familie steht unter Beobachtung. Doch wer beobachtet sie und warum? Diese Fragen belasten das Leben von George und seiner Frau immer mehr.

Spannungen in der ehelichen Beziehung der beiden verschärfen sich, hinzu kommt die Angst um die Sicherheit des Sohnes. Dann glaubt George doch den Hintergründen des undurchsichtigen Geschehens auf die Spur zu kommen und wird konfrontiert mit einem Kindheitserlebnis, das für seinen damaligen Spielgefährten traumatische Folgen hatte. Die Begegnung mit der Vergangenheit, die der Fernsehmoderator längst vergessen oder verdrängt glaubte, mündet in einer der schockierendsten Szenen, die je im Kino zu sehen waren. Diese Szene ist deshalb ungeheuerlich, weil sie völlig unerwartet so blutig wird, aber doch auch beklemmend folgerichtig ist.

Die Folgen einer unverschuldeten alten Schuld

Der intellektuelle Filmemacher Haneke mutet den Zuschauern seiner Filme immer etwas zu, er bedient keine auf Gewohnheit beruhenden Erwartungen. Das hat er in seinen Arbeiten "Funny Games" (1997) ebenso bewiesen wie 2001 bei "Die Klavierspielerin". Mit "Caché" liefert der Kinospätentwickler nun seinen bislang besten und beunruhigendsten Film ab, der mit Daniel Auteuil und Juliette Binoche zwei der besten und bekanntesten französischen Filmstars in den Hauptrollen präsentiert. Beide können glaubwürdig darstellen, wie die Unsicherheit Menschen zerfrisst, die sich doch auf der sicheren Seite der sozialen Gewinner wähnten.

Frankreich wurde bei den jüngsten Unruhen nicht zuletzt mit den komplexen Spätfolgen seines früheren Kolonialismus' konfrontiert. Kaum anders ergeht es George und seiner Familie. Der TV-Moderator hat keinerlei Schuld auf sich geladen, denn der lange zurückliegende Verrat an dem nordafrikanischen Freund war die unbedachte Handlung eines Kindes. Doch George ist individueller Teil einer nationalen Geschichtshypothek, deren Langzeitfolgen gerade die Deutschen immer wieder verfolgen. Hanekes Film als Psychothriller zu bezeichnen, ist nicht falsch, weckt aber wahrscheinlich ganz falsche Erwartungen. Denn mit der üblichen Hollywood-Ware dieses Genres hat "Caché" überhaupt nichts zu tun.

Zu sehen ist vielmehr das spannende Psychogramm einer vielfach gespaltenen, alternden, sich ihrer selbst ungewiss und unsicher gewordenen westlich-europäischen Gesellschaft. Diese fühlt sich bedroht und ist es wohl auch. Ob diese Bedrohung in Katastrophen endet oder ob es neue Wege der Gemeinsamkeit gibt, weiß auch ein so kluger, sensibel reflektierender Filmemacher wie Michael Haneke nicht. Seine noch einmal höchst doppelbödige finale Szene lässt jedoch diese Deutung zu: Es gibt Hoffnung - wenngleich nicht auf ein billiges Happy End. Der Europäische Filmpreis 2005 für "Caché" ist der verdiente Lohn für ein Meisterwerk, dem viele nachdenklich Zuschauer zu wünschen sind.

Quelle: ap

 
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