Shirley MacLaine als Chefin eines schrägen Familienclans in einer Komödie: 'Carolina': Allein unter Schiffschaukelbremsern
zuletzt aktualisiert: 10.05.2004 - 10:30Schrill aufgebrezelt und mit dicker Schminke in hochhackigen Pantoffeln mimt Shirley MacLaine eine Schreckschraube in dem Film "Carolina". Sie ist das Oberhaupt eines verzweigten Familienclans und sorgt mit ihrer losen Zunge für allerlei Verwirrung. Dabei steht eigentlich die Enkelin im Mittelpunkt der Komödie.
Ihre Enkelin Carolina, die verzweifelt versucht, ein bürgerlich-dezentes Leben zu führen, und die sich damit die unorthodoxe Matriarchin, die Carolina und ihre Schwestern aufgezogen hat, zur Feindin zu machen scheint. Die patente Blondine, die als Assistentin einer TV-Dating-Show die Karriereleiter erklimmen will, ist so verdächtig vernünftig und unlocker wie jemand, der eine Menge Stallgeruch wegschrubben muss.
Das macht sie gleichzeitig auch zur scheel beguckten Außenseiterin in ihrer lärmigen Sippe, die sich größtenteils aus Schiffschaukelbremsern, Saufbolden und Teilzeithuren zusammensetzt. Die sorglosen Misfits, die grillend, Bierdosen leerend und Witze reißend in den Tag hinein leben, verstehen überhaupt nicht, wieso Carolina keinen Lover hat oder nicht wenigstens schwanger ist - wie etwa ihre kleine Schwester, die nicht weiß, wer der Vater ihres Kindes ist.
Mit Albert, dem Verfasser von Groschenromanen, hat Carolina zwar einen besten Freund. Doch da sie in einer Welt abwesender Väter und planlosen Kinderwerfens aufgewachsen ist, hält sie von Männern nicht viel. Bis Heath auf der Bildfläche auftaucht - ein Märchenprinz aus der Upper-Class, der sich von Carolinas Kratzbürstigkeit nicht abschrecken lässt.
Lektion mit der Brechstange
Es scheint, dass die holländische Regisseurin Marleen Gorris eine moderne Fortschreibung ihres oscargekrönten Matriarchat-Märchens "Antonias Welt" im Sinn hatte, in dem eine bäuerliche Matrone und Hofbesitzerin über ihren Lieben gluckte und dem Patriarchat die Mistgabel zeigte. Doch Carolinas White-Trash-Plage ähnelt vielmehr einer anderen holländischen Filmsippe - der prollig-lustigen Sozialhilfedynastie der "Flodders". Abzüglich des Humors, denn wie so viele europäische Regisseure an Hollywoods Fleischtöpfen verzettelt sich Gorris zwischen den Zwängen des Mainstreams und ihren künstlerischen Absichten.
Gorris, so heißt es, hat sich während der Dreharbeiten mit ihren Produzenten arg gestritten, und das merkt man dieser Komödie, die ihr Prädikat "bitter-süß" etwas aufdringlich vor sich herträgt, ziemlich an. Carolines Männergeschichten setzen sich aus klischeehaften Situationen zusammen. Die Charaktere ihrer Chaos-Verwandten lassen sich zu leicht in die Schublade "Freak" stecken, ohne wirklich komisch zu sein. Und der Pop-Soundtrack will Gefühlsechtheit erzwingen, passt aber nicht zu den subtileren Zwischentönen, die sich inmitten der Drehbuch-Plattheiten durchaus vernehmen lassen. Sehr schade, denn die Komödienkulisse ist ebenso sehenswert wie fast alle Darsteller.
Julia Stiles spielt einmal mehr ihre Paraderolle der emanzipierten jungen Frau zwischen allen Stühlen und ist sympathisch genug, dass man mitleidet, wenn Carolina ihren Lover Heath einer familiären Schocktherapie aussetzt - und erst recht, wenn das arme Ding seine "roots" mit seinem Aufsteigerdrang in Einklang bringen will. Schlimmer als eine Familie ist keine Familie, so lautet die Film-Lektion, die leider mit der Brechstange verabreicht wird.
Diese heißt Shirley MacLaine und kann als skurril überzogene Grandma Mirabeau den Spagat zwischen liebender Oma und schroffer Egozentrikerin nicht glaubwürdig hinbekommen. Nur letztere spielt sie so überzeugend, dass man sie am liebsten erwürgen würde, und das hat Shirley MacLaine nun wirklich nicht verdient.
"Carolina" kommt am 13. Mai in die Kinos.
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