Kino-Kritik: Casino Royale: Ein bäriger Bond
zuletzt aktualisiert: 20.11.2006 - 11:20Düsseldorf (RPO). Nein, dies ist doch ein ganz anderer Bond-Film als die letzten, hochglanzpolierten. Der 21. ist steil, schrill, abrupt, manchmal auch ganz still. Mit zweieinhalb Stunden ist er auch überdurchschnittlich lang. Das heißt, er gönnt sich sogar Ruhepausen. Die kann man aber aussitzen. Was diesen Bond von den vorigen unterscheidet, ist die Minder-Dimension.
Hier wird nicht Fort Knox atomisiert; hier wird nicht im Weltraum herumkutschiert; hier wird auch nicht die Mutter Erde gerettet; hier gibt es auch nicht einen überdimensionalen Bösewicht im Besitz höchster technologischer Zerstör-Intelligenz. Hier geht es eigentlich nur um ein par Kartenspiele.
Im "Casino Royale" - nicht zu verwechseln mit der gelungenen Bond-Parodie von 1966 von unter anderem John Huston und mit Peter Sellers, David Niven und Woody Allen. Dessen Trickfilmvorspann war zwar unübertrefflich, aber der jetzige mit Spielkarten und Karten-Symbolbildern ist auch ganz gut. Hier gibt es keine Miss Moneypenny, keinen "Q", keine technologische Aufrüstung des Aston Martin; der wird einfach nur gefahren. Ganz unspektakulär vors luxuriöse Hotel Pupp in Karlsbad. Punkt. Nur im IT-Bereich sind Bond und die Zentrale (hinreißend sauer und nervös: Judi Dench) ganz vorn. Diesmal ist eben mehr Schauspielerei angesagt. Also: Eigentlich waren wir einen "teaser" (Action-Vorspann) gewöhnt. Hier wird noch ein schwarzweißer aus Prag davorgespannt über Bonds Doppelnull-Krönung, und dann folgt eine Viertelstunde schrecklich hektischer Flucht-, Prügel- und Verfolgungs-Action in einem afrikanischen Staat, worin 007 wegen "political incorrectness" fast seine Nullen verliert (gedreht offenbar vor allem zur Verwendung für den Kino-Trailer).
Und da erweist sich Daniel Craig, der neue Bond (der gar nicht so blond ist wie angedroht), als zupackender Kletter- und Spring-Athlet. Gut sieht er aus mit seinem marmorgemeißelten Gesicht ("Antlitz" wäre zu viel gesagt), aus dessen Lippen nur selten Worte dringen. Aus dessen blauen Augen aber auch schon mal Blitze schießen können. Situation im ersten James-Bond-Roman 1953: In einem Spielcasino in Montenegro - wie gesagt, in Karlsbad gefilmt - soll er "Le Chiffre" (Mads Mikkelsen; ziemlich blass) am Poker-Spieltisch abkassieren. Es geht um Einsätze zuletzt bis in Millionenhöhen. "Le Chiffre" gilt als Welt-Bankier der internationalen Terroristen (und es ist heutzutage natürlich ein absurder Scherz, man könne internationale Terroristen am Spieltisch abzocken). Die Karten-Partien ziehen sich naturgemäß endlos hin, müssen also durch Anschläge, Attentate, Blutverlust außerhalb des Casinos und entsprechenden Smokinghemd-Wechsel überbrückt werden. "Eine Stunde Pause", sagt der Croupier deshalb stets wohlwollend an. So.
Und da haben wir noch das Bond-Girl vom Dienst. Vesper (Eva Green) heißt es und ist echt zum Verspeisen. Eigentlich ist Vesper als Finanz-Kontrolleurin der enormen Summen eingesetzt, die "M" Bond zum Spielen gegen "Le Chiffre" gegeben (oder vielmehr geliehen) hat. Doch die verschiedenen Anschläge gegen beide schweißen sie letztlich zusammen. Bis zu einem Abschluss-Urlaub in Venedig, wo die geliebte Vesper nach einem Anschlag und in einem spektakulären Zusammenbruch eines Palazzos am Canal Grande verzweifelt ertrinkt. Diesmal ist auch Bond verzweifelt. Das ist selten: ein wirklich geliebtes Bond-Girl, das stirbt. Warum also sollte man dem Regisseur Martin Campbell und unter anderem dem Komponisten David Arnold und seinem Team nicht attestieren, einen der interessantesten Bond-Filme des Jahrzehnts gedreht zu haben? Abgesehen von der Überlänge. Lustigster Satz: "Wollen Sie Ihren Martini-Cocktail lieber gerührt oder geschüttelt?" - "Sehe ich so aus, als scherte ich mich darum?"
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