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Film-Kritik: Charlie und die Schokoladenfabrik: Zart? Bitter!

zuletzt aktualisiert: 08.08.2005 - 08:35

Dass Schokolade glücklich macht, weiß jedes Kind, dass sie aber auch ein bisschen verrückt macht, zumindest, wenn man sich zu sehr mit ihr beschäftigt, dürfte jeder sehen, der sich Tim Burtons Film "Charlie und die Schokoladenfabrik" anschaut - auch die Erwachsenen. Denn Willy Wonka, seines Zeichens unangefochtener Chef des Schokoladen-Imperiums, hat sie nicht mehr alle. Oder doch?

Schokolade ist der Stoff, aus dem die Träume und Albträume gemacht werden. Alle Kinder träumen von der legendären Schokoladenfirma des genialen Confiseurs Wonka. Als der mysteriöse Wonka Gespielt von Johnny Depp), der sich seit 15 Jahren vor der Öffentlichkeit verbirgt, fünf goldene Fabrik-Eintrittskarten in seinen Schokoladentafeln versteckt, stürmen die Kinder weltweit die Läden.

Auch der arme Charlie, dessen Sippe sich das Geld für eine Tafel Schokolade vom Mund abspart, findet ein Ticket für Wonkas Wunderland. Was wird die fünf Kinder und ihre erwachsenen Begleiter wohl erwarten? Nur hereinspaziert: Burtons neuer Film ist einfach Zucker - und kommt ganz ohne den Süßstoff aus, der seinen Vorgängerfilm "Big Fish" so klebrig machte.

Stattdessen bewahrt Burton mit einem Humor so schwarz wie Bitterschokolade die abgründige Verschrobenheit von Roald Dahls Geschichten. Im angelsächsischen Raum sind Dahls sardonische Märchen weithin beliebt, doch hier zu Lande müssen sich Zuschauer vielleicht erst an seine ironisch-paradoxen Perspektiven gewöhnen. Dubios ist besonders Fabrikeigner Willy Wonka, der mit seiner bleichen Haut, seiner Kostümierung und seiner latenten Hysterie wie eine Karikatur von Michael Jackson daherkommt, - obwohl Darsteller Depp behauptet, Howard Hughes sei sein Vorbild gewesen.

Jedenfalls scheint dieser kindliche Exzentriker die Kinder zu hassen, denen er seine Wunderwerke zeigt, und genießt mit mühsam unterdrücktem Sadismus ihre Fehltritte. Der Zuschauer auch, denn bis auf den lieben Charlie sind diese Gören grässlich verzogen und bekommen beim Fabrik-Rundgang deftige Lektionen verpasst. Tim Burtons extravagante Fantasie schlägt Purzelbäume bei der Kreation von Wonkas süßem Paradies mit seinen Schokolade-Wasserfällen, Seepferdchen-Zuckergondeln und rosa Schafen, deren Zweck hier nicht verraten werden soll.

Doch wenn etwa der gefräßige Augustus, ein halsloser kleiner Fettwanst aus Düsseldorf (!), fast im Schokoladenfluss ertrinkt, wandelt sich das Schlaraffenland angelegentlich zum Gruselkabinett. Höhepunkt ist die Attacke von Dutzenden (echter, nicht computeranimierter) nussknackender Eichhörnchen auf eine verwöhnte kleine Tusse, die sogleich als hohle Nuss im Müll landet. Und wenn Kühe zur Sahneerzeugung gepeitscht werden und sich der Monolith aus "Odyssee 2001" als schwarze Schokoladentafel entpuppt, dann kichert nicht nur Willy vor Begeisterung.

Zwergenhafte Kakao-Freaks

Müßig ist es, die Filmzitate und göttlich abgedrehten Design-Ideen aufzuzählen, die dem Film garantiert Oscar-Nominierungen verschaffen werden. Zu den bizarrsten Erlebnissen gehören Musical-Auftritte von Willys Angestellten aus dem Volke der Umpa-Lumpas. Gespielt werden die zwergenhaften Kakao-Freaks, die zum Beispiel auch als Gärtner, High-Tech-Experten oder Psychiater verwendbar sind, vom kleinwüchsigen, per Computeranimation vervielfältigen Darsteller Deep Roy.

Inhaltlich wird Dahls Roman kongenial ergänzt durch Freud'sche Rückblenden auf Willys Kindheit, in der ein strenger Zahnarzt-Vater Willy in den Zuckerwahn treibt. Und wer könnte diesen Asketen besser spielen als Ex-Dracula Christopher Lee, der Willy eine Zahnspange verpasst, die alle, besonders gewesene Kinder, gruseln lässt?

Bis in die kleinsten Nebenrollen hinein ist diese bitter-süße Parabel vorzüglich besetzt. Doch über allen steht Johnny Depp mit seiner apart vertrackten Rolleninterpretation, die den 1990 gestorbenen Roald Dahl bestimmt entzückt hätte. Dagegen bleibt der vorbildliche kleine Freddie Highmore, eine Entdeckung aus Depps letztem Film "Wenn Träume fliegen lernen", naturgemäß blass.

Letztlich aber ist Burtons opulentes Moralmärchen ein zwar parodistisch gebrochenes, aber herzerwärmendes Plädoyer für jene Sorte von Familie, die Charlie den Rücken stärkt. Und am Pranger stehen weniger die kleinen Paschas und Zicken als ihre Eltern. Die Zielgruppe ist also weit gespannt, dürfte ihre jeweilige Lektion aber weidlich genießen: An dieser Schokolade kann man sich gar nicht überfressen.

Quelle: ap

 
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