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"Nur eine Stunde Ruhe" im Kino
Die Katastrophen der Bourgeoisie

Christian Clavier in "Nur eine Stunde Ruhe": Katastrophen der Bourgeoisie
FOTO: dpa, mbk sab
Düsseldorf. Das plakative Kammerspiel "Nur eine Stunde Ruhe" ist zwar ganz unterhaltsam, bleibt an der Oberfläche. So richtig böse ist das Wer nicht.  Von Ulrike Cordes

Florian Zeller gilt als Liebling der Pariser Gesellschaft. Nicht nur, dass der hübsche 35-Jährige Professor für Literatur und preisgekrönter, in viele Sprachen übersetzter Verfasser von Romanen und Theaterstücken ist. Man kennt ihn auch als Gatten von Schauspielerin Marine Delterme. Die wiederum ist gut befreundet mit Carla Bruni, war sogar Trauzeugin bei deren Vermählung mit Frankreichs damaligem Präsidenten Sarkozy. Kein Wunder also, dass Zeller über Gesellschaftskenntnisse verfügt, die er etwa 2011 in seine Erfolgskomödie über Ehelügen, "Die Wahrheit", einfließen ließ.

Quasi zum Nachfolger dieser auch an deutschen Bühnen Furore machenden wortwitzigen Schlacht geriet dem Autor "Nur eine Stunde Ruhe", das in Hamburg bei der Erstaufführung umjubelt wurde. Nun kann man die Posse über bislang verborgene Tatsachen einer gutbürgerlichen Familie mit Stars besetzt im Kino sehen: Regie-Altmeister Patrice Leconte erzählt das munter vor sich hin plätschernde Kammerspiel mit Christian Clavier und Carole Bouquet in den Hauptrollen. Viel Wert hat der Regisseur auf die Ausstattung des Altbau-Apartments von Zahnarzt Michel (Christian Clavier) gelegt - eine Oase der Stille im hektischen Paris kreiert. Hier gönnt sich der 60-Jährige eine Stunde Ruhe, um Jazz zu hören. Doch statt einem Musikerlebnis erwarten ihn die Katastrophen seines Lebens: Seine Frau gesteht ihm, dass sein Revoluzzer-Sohn nicht von ihm sei. Seine mit ihr befreundete Geliebte erzählt wiederum ihr von ihrer Affäre mit Michel, während Handwerker die Wohnung unter Wasser setzen, eine philippinische Großfamilie sich bei ihm einquartiert und die Nachbarn ihre ausgelassene Sommerparty in seinen Salon verlegen.

All diese Desaster sind amüsant anzuschauen. Während die Wohnung sich in ein Schlachtfeld verwandelt, wird in teils pointierten Dialogen der Hang der Franzosen, zu diskutieren, genauso durch den Kakao gezogen wie die Bereitschaft von Etablierten, Schwarzarbeiter zu beschäftigen und ihre Partner zu hintergehen.

Richtig böse ist der Film nie. Der eine oder andere mag sich womöglich auf gepflegtem Niveau langweilen. Und das liegt weniger an der Kino-Crew als an Zellers Stück, das der sogenannten besseren Gesellschaft nur sehr plakativ und oberflächlich auf den Zahn fühlt.

Quelle: RP
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