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Die Kamera auf die neuen Wilden: "City of God"

zuletzt aktualisiert: 12.05.2003 - 09:17

Frankfurt/Main (rpo). In der "Stadt Gottes", einem Elendsviertel in Rio de Janeiro herrschen Armut, Verzweiflung und Angst. Der umjubelte Film erzählt die Entwicklungsgeschichte von zwei Jungs, die unter widrigen Umständen zu Männern werden.

Es geht brutal zu in diesem Elendsviertel von Rio de Janeiro, das den ganz irreführenden Namen "Cidade de Deus" hat. "Stadt Gottes" heißt das übersetzt. Doch der barmherzige christliche Gott ist fern in dieser Siedlung am Rande einer Metropole, die nur für jene eine tropische Traumstadt ist, die den Blick hinter den Zuckerhut scheuen. Denn dort hausen die Verlierer und Opfer einer sozial skandalös ungerechten Gesellschaft unter dem Vorzeichen der Globalisierung. Wie mächtig deren Sieger sind, beweist noch der englische Titel des Films "City of God".

Denn es ist eine brasilianische Produktion, inszeniert von Fernando Meirelles, die am 8. Mai unter diesem Titel in die deutschen Kinos kommt. International hat "City of God" schon viel Aufsehen erregt. Wahre Lobeshymnen besonders derer begleiten ihn, die auf der angenehmeren Seite der Globalisierung leben. Dort befinden sich Dadinho und Buscape gewiss nicht. Sie existieren in jenem Schattenreich eines ökonomischen Systems, das nicht nur in Brasilien, sondern weltweit Milliarden ohne reale Aussicht auf Verbesserung ihrer sozialen Lage dorthin verbannt hat. Menschen wie Dadinho und Buscape sind in diesem System eigentlich überflüssig.

Doch auch die "Überflüssigen" wollen leben, auch sie haben Träume: Buscape will Fotograf werden, und er hat damit 20 Jahre später auch Erfolg. Dagegen ist bei Dadinho schon früh der Weg ins Verbrechen vorgezeichnet. Er wird nach zwei Jahrzehnten als Ze Pequeno, genannt Locke, der gefürchtetste Drogendealer von Rio. Erzählt wird also die Entwicklungsgeschichte von zwei Jungs aus einer berüchtigten Barackensiedlung, die zu Männern werden. Wie verschieden ihr Weg dorthin verläuft, zeichnet sich schon in der Kindheit ab. Denn Buscape ist schüchtern und sensibel, Dadinho dagegen gerissen und rücksichtslos.

Eine Art neuer Naturalismus aus Südamerika

Neben diesen Hauptfiguren, die zugleich Gegenspieler sind, gibt es in dem Film noch eine ganze Reihe Nebenfiguren und -handlungen, die Einblick gegen sollen in die für uns ebenso fremde wie erschreckende Welt der Cidade de Deus. Es ist nicht ganz leicht, den Überblick zu behalten, zumal der Inhalt in allzu rasanter Schnittfolge Aktionen und Tragödien liefert. Die Geschichte wird aus dem Blickwinkel Buscapes erzählt. Doch damit ist es auch die Geschichte dessen, der den Sprung aus dem Elend schafft. Wie aber wäre die Perspektive derer, die in diesem Elend bleiben, die daran scheitern, die keine Chance bekommen, die mit 16 Jahren meist ihre Zukunft schon hinter sich haben?

Darauf kann der Film schon deshalb keine Antwort geben, weil er - wenngleich sicher mit den besten Absichten - die Bewohner der "City of God" zumindest dem Publikum der westlichen Wohlstandsstaaten als Exoten einer sozialen Apartheid zeigt, deren Gründe und Mechanismen verborgen bleiben. Es ist eine Art neuer Naturalismus, der mit diesem Film aus Südamerika auf die Leinwände kommt.

Schon der inzwischen längst historisch gewordene europäische Naturalismus verharmloste ungewollt den sozialen Skandal. Damals wie heute werden nur dessen menschliche Folgen einem privilegierteren Publikum präsentiert. Dieses mag darob erschrecken. Aber damals wie heute wird es doch nur viel eher diesen Schrecken konsumieren als zum Kampf für eine gerechtere Gesellschaft aufgerüttelt zu werden. Die Anerkennung dafür, dass "City of God" immerhin den Blick auf das immer größere Schattenreich der Globalisierung richtet, muss deshalb zwiespältig bleiben.

"Verdammt, ich hab den Unsichtbarkeits-Zauberspruch vergessen." Szene aus dem Film "City of God".  Foto: RPO
"Verdammt, ich hab den Unsichtbarkeits-Zauberspruch vergessen." Szene aus dem Film "City of God". Foto: RPO

 
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