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"Coconut Hero" im Kino
Jugend zwischen Liebesfrust und Todeslust

Coming of Age-Film Coconut Hero erzählt von Jungen mit morbiden Vorlieben
FOTO: dpa, sab
Düsseldorf. Ein ungewöhnlicher Film über das Erwachsenwerden: "Coconut Hero" erzählt von einem Jungen mit morbiden Vorlieben. Ein sehenswertes Werk.  Von Renée Wieder

Zum ersten Mal im Leben ist Mike wirklich glücklich. In einer bizarr schönen, bittersüßen Szene zu Anfang des Films fährt der 16-jährige auf dem Rad durch seine kleine Holzfällerstadt in Kanada, selig lächelnd und zu jubelnder Musik. Die Leute an der Straße feiern ihn in seiner Vorstellung wie einen Superhelden, die Welt leuchtet in allen Farben. Wenn Jungs in gängigen Jugendkomödien so gucken, haben sie gerade ihren ersten Kuss bekommen oder den ersten Sex. Manchmal auch die Collegezulassung, oder der miese Schulleiter ist in eine Baustellengrube gefallen. Aber dies ist keine gängige Jugendkomödie und Mike kein gängiger Teenie.

Mike ist glücklich, weil ihm gerade ein Arzt von dem walnussgroßen Tumor in seinem Gehirn erzählt hat. Operieren könnte man das, mit guten Aussichten. Aber dem lebensmüden Jungen kommt der Krebs gerade recht. Mike will ohnehin nichts lieber als sterben, nur ist das nicht so einfach. Er war ja überhaupt nur beim Arzt, weil sein neuester Selbstmordversuch - mit dem Gewehr seines Vaters (schöner Gastauftritt für Sebastian Schipper) und säuberlich unterlegter Folie - fehlgeschlagen ist. Mike entscheidet, den Tumor für sich zu behalten und ihn seinen Job machen zu lassen.

Die melancholische Coming of Age-Tragikomödie "Coconut Hero" beschreibt die Todesfaszination eines schrägen jungen Mannes, und dann seine Bekehrung zur Lebensfreude durch die Liebe. Ein Motiv, das seit dem britischen Kultklassiker "Harold and Maude" (1971) alle Jahre wieder auf der Leinwand auftaucht. Während derzeit die Tragikomödie "About a Girl" von den Liebeswirren einer suizidären Jasna Fritzi Bauer mitten in Deutschland erzählt, schwebte Florian Cossen und Elena von Saucken, den beiden deutschen Autoren von "Coconut Hero", von Anfang an ein schlichteres, abgelegenes Setting "irgendwo im kanadischen Nirgendwo" vor. Also drehten sie dort, mit einem englischsprachigen Drehbuch und mit zwei sorgfältig gecasteten, kanadischen Hauptdarstellern.

Alex Ozerov spielt Mike mit trockenem Charme und genau der richtigen Dosis Zartheit. Ein Außenseiter, der seinen eigenen Sarg zimmert, in leeren Friedhofsgräbern Probe liegt und düstere Bilder zeichnet, auf die er tote Fliegen klebt. Keine sonderlich subtile Bildsprache. Aber man gewinnt diesen bleichen Jungen lieb, der mit einer übereifrigen Mutter (Krista Bridges) kämpft und mit einer Welt, die keinen seiner Gedanken versteht. Doch dann kommt Mikes Sporttherapeutin Miranda (Bea Santos) um die Ecke. Ein nettes, sorgloses Mädchen mit einer Ukulele, das verschwenderisch viel lächelt, nackt in Waldseen springt und aus Menschenliebe mit Senioren turnt. Eine harmlose Figur, die es in Sachen Komplexität mit Mike nicht aufnehmen kann, aber immer noch liebenswert genug ist .

Weil Mike Mirandas Leichtigkeit anziehend findet und Miranda umgekehrt Mikes Tristesse, und weil die Liebe eben manchmal Gegensätze einander zu treibt, finden die zwei zueinander. Der Unterhaltungswert des Films liegt weniger in der absehbaren Romanze als in Mikes wachsendem Dilemma, als all die neuen Gefühle eine Zukunft einfordern, der er doch so unbedingt ausweichen wollte. Jugend, die leicht und unbeschwert sein sollte, im morbiden Wechselspiel mit Tod und Trauer, daraus zieht "Coconut Hero" seine Faszination. Mike könnte jahrelang mit Leidenschaft vor sich hin sterben, während Miranda einfach nur gern lebt. Wer von beiden richtig liegt, daran lässt der Film keinen Zweifel.

Voll Empathie und ohne je seine Figuren zu verraten, variiert "Coconut Hero" die alte Geschichte: Wegrennen bringt gar nichts, sich eine Schrotflinte an den Schädel drücken auch nicht. Anpacken muss man die Dinge. Eines Nachts liegen Mike und Miranda auf einer Wiese. Sie zeigt ihm im Sternenbild das Wort "Hello". Er erkennt nur das Wort "Hell". Da lacht man und schämt sich ein wenig für ihn, ahnt aber auch schon, dass Mike den fehlenden Buchstaben eines Tages finden wird. Falls er sich die nötige Lebenszeit nimmt, ihn zu suchen.

Quelle: RP
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