Film-Kritik: Das Goebbels-Experiment: Ohne Zeitzeugen
zuletzt aktualisiert: 11.04.2005 - 09:10Die Figur Joseph Goebbels steht für hemmungslose, zynische Propaganda während der Zeit des Nationalsozialismus. Um den schmächtigen Mann mit dem verkrüppelten Fuß dreht sich der Dokumentarfilm "Das Goebbels-Experiment" von Lutz Hachmeister und Michael Kloft. Er montiert zum großen Teil bislang erstaunlicherweise unveröffentlichtes Bildmaterial und Passagen aus den Tagebüchern des Propagandaminsiters zu einem facettenreichen, unkommentierten und entlarvenden Porträt des radikalen "völkischen Sozialisten".
"Goebbels war wie kaum ein anderer Politiker vor ihm eine filmische und theatralische Existenz", sagt der Medienwissenschaftler Hachmeister. Er habe sich aufgrund seiner kleinbürgerlichen Herkunft und auch durch seine Behinderung stets zurückgesetzt gefühlt. "Der Wille zur Geltung und der Wille zum Glauben haben ihn angetrieben", sagt er.
Es gibt keinen Zeitzeugen in diesem Film, keinen greisen ehemaligen Leibwächter oder Stenografen und auch keinen angesehenen Zeithistoriker. Es gibt keine verfremdeten Spielszenen und keinen Kommentar. Niemand ist da, der die Bilder und Texte für das Publikum in den historischen Zusammenhang stellt. Man sieht, wie Goebbels 1933 im Sportpalast steht, die Arme in die Seite gestemmt, mit dem Finger droht und lächelnd sagt: "Einmal wird unsere Geduld zu Ende sein und dann wird den Juden das freche Lügenmaul gestopft werden." Der Horror, den dieses Lächeln ankündigt, ist heute durch Bücher und Filme hinreichend bekannt.
Die Jugend von Goebbels ist ein einziges Desaster, und er schreibt es knapp und klar: "Meine Kameraden liebten mich nicht." Die Zeit vor Hitler beschreibt er als eine lange Depression: "Ich habe noch keine Lebensaufgabe gefunden." Doch dann begegnet er dem "politischen Genie" und vertraut seinem Tagebuch an: "Ich beuge mich dem Größeren. Ich liebe ihn." Die Goebbels-Tagebuchpassagen in dem Film spricht Schauspieler Udo Samel, in der englischen Version ist es der Regisseur Kenneth Branagh.
Goebbels war eine "schizoide Persönlichkeit", ist sich Hachmeister sicher. Er hasste die Juden, aber auch die Pfaffen und seine Konkurrenten in der NSDAP. Er ist der Intellektuelle, verachtet das Nazi-Fußvolk als "Münchener Spießer", schwankte zum Beispiel in seinem Verhältnis zu Reichsmarschall Hermann Göring zwischen Bewunderung dafür, dass der "seinen Laden im Griff hat" und Verachtung für den Morphinisten, der in seiner "weibischen, hellgrauen Uniform nicht ernst genommen werden kann". "Goebbels war Ideologe und Opportunist zugleich, ließ sehr schnell Dinge fallen, die ihm eigentlich gefielen", sagt der Publizist.
Zum Schluss des Films kostet Goebbels seine Lust am Untergang auf Besichtigungstouren durch das von Bomben bereits völlig zerstörte Berlin aus. "Er war rational genug, um zu wissen, dass der Krieg nicht zu gewinnen war", sagt Hachmeister. Daraus habe sich bei ihm ein "Untergangsrausch" entwickelt. Die letzten Einstellungen des beeindruckenden Dokumentarfilms zeigen die vergifteten Kinder des Ehepaares Goebbels im Berliner Führerbunker und die verkohlte Leiche des Propagandaministers: Das Feuer hat seinen Arm zusammengezogen und fast zu einem Hitlergruß aufgestellt. Die kleine Metallschiene, die seinen verkrüppelten Fuß stützte, blieb unversehrt.
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