Stieg-Larsson-Verfilmung "Verblendung": Das harte, zarte Mädchen
VON MARTINA STÖCKER - zuletzt aktualisiert: 01.10.2009 - 09:12(RP). Im vergangenen Jahr war Stieg Larssons Krimi "Verblendung" das meistverkaufte Buch innerhalb der Europäischen Union. Nun ist es verfilmt worden, und alle Leser können beruhigt auch ins Kino gehen, um sich die packende Umsetzung anzuschauen. Überragend: Noomi Rapace als Lisbeth Salander.
Als nächste Rolle möchte man Noomi Rapace die Darstellung eines Kindermädchens wünschen. Oder einer Gärtnerin. Damit sich die schwedische Schauspielerin einmal nur auf eine Rolle vorbereiten kann, indem sie den Text lernt. Und nicht ihren zarten Körper mit Boxen in ein sehniges Kraftpaket verwandelt, sich die Haare schneiden und Ohren, Nase, Augenbrauen und Lippe piercen lässt oder den Motorradführerschein macht.
Das alles hat die 29-Jährige auf sich genommen, um die Rolle der Lisbeth Salander authentisch zu verkörpern. Und, nein, sie wäre nicht noch einen Millimeter näher an die literarische Vorlage herangekommen, wenn sie sich auch den ganzen Rücken hätte tätowieren lassen, anstatt dort nur ein riesiges Tattoo auf die Haut zu kleben.
Pippi Langstrumpf meets Lara Croft
Denn das war die eigentliche Schwierigkeit bei der Verfilmung von Stieg Larssons Bestseller "Verblendung", die Handlung war spannend genug. Aber die richtige Schauspielerin für Lisbeth Salander zu finden, bedeutete eine Herausforderung. Salander, das Herz der Larsson-Trilogie, ist eine Hackerin, eine anarchische Mischung aus Pippi Langstrumpf und Lara Croft. Eine junge Frau, der es nur mühsam gelingt, ein bürgerliches Leben zu führen, die so verstört und voller Hass ist und ihre Wut kaum kontrollieren kann. Die aber andererseits ein großes Gespür für Gerechtigkeit und wegen ihrer familiären Vergangenheit eine ungeheure Zerbrechlichkeit besitzt.
Zwei Filmszenen machen diese Ambivalenz, dieses Schwanken zwischen Stärke und Schwäche, eindrucksvoll deutlich: In der einen wird Lisbeth Salander von ihrem perversen Vormund überwältigt und gefesselt, und sie wehrt sich mit solch einer Vehemenz und Wildheit gegen ihren Peiniger, dass sich dem Betrachter im Kinosessel die Nackenhaare aufstellen. In der anderen Sequenz liegt Salander in einem Bett und schläft. Sie wirkt so schutzbedürftig und zart, unter ihrer weißen, dünnen Haut sieht man am Hals den Puls pochen, Herzschlag für Herzschlag.
Familien-Krimi in klassischen Bildern
Noomi Rapaces Darstellung allein macht "Verblendung" zum Kino-Erlebnis. Der Film von Niels Arden Oplev erzählt in klassischen Bildern einen Familien-Krimi: Der Journalist Mikael Blomkvist (Michael Nyqvist) wird von dem schwerreichen und steinalten Industriellen Henrik Vanger engagiert und reist in den einsamen Norden Schwedens. Er soll das Rätsel um Vangers Nichte Harriet lösen, die vor Jahren als Teenager spurlos verschwand. Sie schenkte ihrem Onkel stets zum Geburtstag getrocknete Blumen. Noch immer bekommt er jedes Jahr diesen Gruß per Post von entlegenen Orten der Welt. Der alte Mann glaubt an einen geschmacklosen Scherz, Feinde genug hätte er. Blomkvist recherchiert und taucht ein in eine Familie, die verdorben ist. Er stößt unter der Oberfläche auf Machtkämpfe, nationalsozialistische Überzeugungen, Inzest und eine religiös motivierte Mordserie an jungen Frauen. Fiel auch Harriet ihr zum Opfer? Blomkvist zur Seite steht Lisbeth Salander, das Computergenie. Ihr fotografisches Gedächtnis und ihre teils illegalen Methoden bedeuten eine große Hilfe, doch die Zusammenarbeit mit der abweisenden Frau ist nicht einfach.
Larsson war ein Besessener
Was gut und was schlecht war, soll Buch-Autor Stieg Larsson ziemlich genau gewusst haben, heißt es. Der Schwede arbeitete als Journalist und schrieb am Feierabend wie ein Besessener Bücher. Seinen Durchbruch erlebte er nicht mehr: 2004 blieb sein Herz im Treppenhaus des Büros stehen. Der 50-Jährige soll sehr kritisch gewesen sein – der Film "Verblendung" dürfte ihm gefallen haben, gelingt es Regisseur Niels Arden Oplev doch, das Besondere und die kleinen Details des Buches einzufangen und in Bilder umzusetzen.
Auch "Verdammnis" und "Vergebung", Band zwei und drei der Trilogie, werden im nächsten Jahr verfilmt, dann aber unter der Regie von Daniel Alfredson. Man sollte sich trotzdem drauf freuen, denn Noomi Rapace wird wieder dabei sein. Sonst hätte sich der ganze Aufwand mit Piercings und Motorradführerschein auch nicht gelohnt.
Bewertung: 4 von 5 Sternen
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