Melancholie on Ice: Das Krimi-Melodram "It's All About Love"
zuletzt aktualisiert: 17.03.2003 - 10:24Frankfurt/Main (rpo). "It's All About Love" ist ein Film, der zwei Genres vereint: Krimi und tiefgekühltes Science-Fiction-Liebesmärchen. Ein frostiger, ziemlich depressiv machender Streifen des dänischen Regisseurs Vinterberg.
Vermutlich lässt sich skandinavisches Klima aus der Sicht von, sagen wir, Hollywood in Kalifornien, als sechs Monate Winter und sechs Monate kein Sommer beschreiben. Mit Hollywoodschauspielern hat nun der dänische Regisseur mit dem sprechenden Namen Vinterberg einen Film gedreht, in dem es sogar im Juli schneit: "It's All About Love", zugleich Krimi und tiefgekühltes Science-Fiction-Liebesmärchen.
Im New York der nahen Zukunft, in der die Natur verrückt spielt, trifft John bei einem Zwischenstopp seine Frau, Eisprinzessin Elena. Seit Jahren lebt er von ihr getrennt und will nun, dass sie die Scheidungspapiere unterzeichnet, doch die entrückte Elfe bittet ihn stattdessen um Hilfe. Elena ist ausgebrannt und kann den Anforderungen ihrer glamourösen Shows nicht mehr genügen. Sie hat Angst, von ihrem parasitären Betreuungsteam "ersetzt" zu werden.
Wie das gemeint ist, merkt John, als er Elena in mehrfacher Ausfertigung sieht. Ihre sich überaus familiär und herzlich gebärdenden Manager haben drei Klone als Pseudo-Helenas engagiert. Über das, was sie mit der Original-Elena planen, hegt das Paar schlimmste Befürchtungen. Die beiden fliehen und entdecken ihre Liebe neu. Die Häscher von Elenas Entourage spüren sie auf, doch mit Hilfe ihres Bruders Michael gelingt dem Paar die letzte Flucht.
Bizarrer Verschwörungskrimi
Umzingelt ist dieser bizarre Verschwörungskrimi von bedeutungsschweren Details, welche eine symbolische Gleichung zwischen fallenden Temperaturen und zunehmender Seelenkälte aufmachen: Die Welt friert. Besonders lustig ging es zwar auch in Thomas Vinterbergs erstem Film "Das Fest" nicht zu, der als erster das spartanische "Dogma"-Manifest vorführte und eine kleine Revolution unter Filmemachern auslöste: Authentische Geschichte, Originalton, bewegliche DV-Kamera, keine illusionistischen Tricks, so hieß das damalige ästhetische Credo, das Vinterberg nun souverän über den Haufen schmeißt - und seinen neuen Film ins Eis setzt.
Anti-Dogma-Film
Dank größerem Budget, Starpower, statischer Kamera mit frostklaren Bildern und polierten Studio-Nahaufnahmen wirkt die dekorative Schwermütigkeit dieses Anti-Dogma-Films jedoch so forciert, dass sich die Handlung gegen Ende in erfrorenen Depressionsposen erschöpft. Gewiss jedoch ist die irreale Atmosphäre der Schauplätze - ein Mix aus Kopenhagener Studio- und New Yorker Originalaufnahmen - faszinierend, wirkt die Art-Deco-Hotelarchitektur mit ihren endlosen schummrigen Fluren unter den Händen von Produktionsdesigner Ben Van Os, der auch mit Regisseur Peter Greenaway arbeitete, hintergründig wie ein exquisites Ölgemälde.
Manche Szenen ragen durch ihre schräge Lakonie aus dem Jammertal hervor: Als der Sommerfrost plötzlich einsetzt, friert das Wasser im Glas mit lautem Knacken. Da wegen der Wetterkatastrophen die Schwerkraft den Dienst verweigert, erscheinen in den Nachrichten fliegende Ugander. Tote, an diffusen Herzkrankheiten gestorben, liegen unbeachtet am Straßenrand. Johns Bruder Marciello, süchtig nach einem Medikament gegen Flugangst, lebt in Flugzeugen.
Die multiple Elena, gespielt von Claire Danes, ist schön, blass und seltsam körperlos: Mit ihrer blonden Bananenrolle ist sie eine Hitchcock'sche "Vertigo"-Traumfrau, eine Projektion. Joaquin Phoenix als John lässt seine grünen Katzenaugen in romantischer Melancholie aufleuchten. Was bewegt sie, wo wollen sie hin? Bald interessiert es nicht mehr. Die zwei, die auf der Suche nach Wärme sind, werden in Schönheit tiefgekühlt.
Wahrscheinlich schwebte Vinterberg etwas ähnlich Tiefgründiges wie die düster-metaphysischen Dramen des Russen Andrej Tarkowskij vor, dessen schlafwandlerischen Inszenierungsstil er nach empfindet. Hier jedoch sind die stillen Wasser nicht tief: Unter der Hochglanzoberfläche befindet sich nur heiße beziehungsweise kalte Luft. Das beweist vor allem das Geplapper von Sean Penn als Bruder Marciello, der vom Flieger aus telefonisch Weisheiten über den tieferen Sinn des Ganzen vermeldet wie etwa "Liebe ist alles, was zählt". Diese schöne, kalte, nichts sagende Vinterberg-Predigt über die kommende emotionale Eiszeit lässt den Zuschauer etwas verschnupft zurück: Tarkowskij für Arme.
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