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Kino-Kritik: Das Leben der Anderen: Schnüffler und Menschen

zuletzt aktualisiert: 20.03.2006 - 08:42

Sind Stasi-Mitarbeiter grundsätzlich schlechte Menschen? Sind ihre Opfer immer zu bemitleiden? Bleibt alles gleich? Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck hat eine dieser Geschichten erzählt, in denen man sich seine Meinung nicht allzu schnell bilden sollte. Weil manchmal alles anders kommt als gedacht, und die Täter selbst schnell zu Opfern werden können.

Gerd Wiesler ist ein Mann mit emotionalen Defiziten, aber beruflichen Erfolgen. Doch die sind in der DDR des Spätherbstes 1984 von der unangenehmsten Art. Denn Wiesler ist Stasi-Hauptmann und lehrt an der Hochschule der berüchtigten Organisation, die sich als "Schild und Schwert" der SED versteht, Verhörmethoden für Staatsfeinde. Wie die weichzuklopfen sind, weiß Wiesler nicht nur theoretisch, sondern aus täglicher Erfahrung. Weil er in dieser Tätigkeit so erfolgreich ist, bekommt er einen folgenreichen Auftrag.

Wie der endet, zeigt der deutsche Film "Das Leben der anderen". Was die Zuschauer erwartet, ist ein doppeltes Ereignis der Sonderklasse: Zum einen der beste deutsche Film, der seit langer Zeit auf der Leinwand zu sehen ist. Und zum anderen das denkwürdige Kinodebüt des erst 32-jährigen Florian Henckel von Donnersmarck, der sein eigenes Drehbuch fulminant mit einigen der besten Schauspieler des Landes in Szene gesetzt hat. Mit vier Bayerischen Filmpreisen ist der Film bereits ausgezeichnet worden. Es gehört wenig Mut zu der Voraussage: Weitere Preise werden folgen.

Emotional bewegend

Die außergewöhnliche Qualität dieses Films erschließt sich dem Betrachter von der ersten Minute an. In Gerd Wiesler lernen die Zuschauer einen Mann kennen, der mit seinen Möglichkeiten und Überzeugungen ein System schützen will, das schon dem Untergang geweiht ist. Noch nie ist so präzise, so erschreckend realistisch und so gut recherchiert die Arbeit der Stasi auf der Leinwand gezeigt worden. Weil der Drehbuchautor von Donnersmarck solide gearbeitet hat, vertraut man dem, was der Regisseur zeigt, bis zum Ende - und tut gut daran. Denn es entfaltet sich eine emotional bewegende, 137 Minuten lang fesselnde Geschichte.

Wiesler wird von seinem Vorgesetzten Grubitz auf den erfolgreichen Dramatiker Georg Dreymann angesetzt. Der soll im Verdacht stehen, politisch nicht "zuverlässig" zu sein und Westkontakte zu pflegen. Aber das sind nur vorgeschobene Gründe, denn in Wahrheit geht es um Dreymanns attraktive Geliebte, den DDR-Bühnenstar Christa-Maria Sieland. Diese wird nämlich auch von dem mächtigen Minister Bruno Hempf begehrt. Wiesler, der von nun an Dreymann selbst im privatesten Bereich abhört, weiß nichts von diesen Zusammenhängen. Er tut mit gewohnter Professionalität seine Arbeit.

Ulrich Mühes überragende Leistung

Auch auf ihn übt die schöne Sieland eine große Faszination aus. Doch seinen Bedarf an Erotik muss er auf schäbige und demütigende Weise stillen. Erst ganz allmählich dämmert Wiesler, wozu er missbraucht wird. Es gibt eine dramatische Zuspitzung, die von Donnersmarck spannend in Szene gesetzt hat, und ein Nachspiel, das den Film wundervoll poetisch beschließt.

So sehr dieses Kinodebüt zu feiern ist, so sehr sind auch die Darsteller des Films zu rühmen: Allen voran Ulrich Mühe in der Rolle des Stasi-Mannes Wiesler, der auf ganz stille Art vom Saulus zum Paulus wird. Mühe ist überragend und verdient dafür alle Auszeichnungen, die zu vergeben sind.

Kabinettstückchen

Martina Gedeck ist kaum minder gut als tragisch liebende Christa-Maria Sieland. In diesem Film hat die derzeit beste deutsche Filmschauspielerin eine weit dankbarere Rolle als in "Elementarteilchen". Beeindruckend auch die Leistungen von Sebastian Koch als Dramatiker Dreymann und Ulrich Tukur als zynischer Stasi-Oberstleutnant Grubitz. Der massige Thomas Thieme, aus Weimar stammend, macht aus der Figur des Ministers Hempf ein darstellerisches Kabinettstückchen, das allein schon den Besuch des Filmes lohnt.

Die größte Leistung aber hat der junge Autor und Regisser vollbracht: Florian Henckel von Donnersmarck ist mit einem künstlerischen Donnerschlag auf die Kinobühne getreten. Sein Debüt berechtigt nicht nur zu großen Hoffnungen, sondern kann bereits als in großes Ereignis gelten. "Das Leben der anderen" ist ein Film, der Bestand haben wird und der nun Millionen Zuschauer in Deutschland verdient. Denn er handelt in ebenso spannender wie ergreifender Weise von der jüngsten Geschichte unseres Landes, wie sie auf der Leinwand noch nie zu sehen war.

Quelle: ap

 
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