Komödie "Dorfpunks" nach dem Roman von Rocko Schamoni: Das Leid der Punks in der Provinz
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 23.04.2009 - 10:25(RP). Sie sind ein bisschen spät dran mit dem Punksein. Es ist schon 1984, da hatte die Bewegung ihre besten Zeiten seit mindestens sieben Jahren hinter sich. Aber die "Dorfpunks" Malte, der sich neuerdings den Kampfnamen Roddy Dangerblood gegeben hat, Fliegevogel, Flo, Sid, Piekmeier und Bauernsohn Günni leben ja auch nicht in London oder New York, sondern im fiktiven Ostseekaff Schmalenstedt am nördlichen Rand der alten Bundesrepublik. Damit ist der Luftkurort Lütjenburg bei Kiel gemeint, wo Rocko Schamoni, der Autor der autobiografischen Romanvorlage von 2004, aufwuchs.
Lars Jessen hat das Buch, das eigentlich keinen narrativen Höhepunkt hat, sondern vielmehr die Stimmungen und Gestimmtheiten der Jugend ins Bild setzten möchte, sehr liebevoll und detailverliebt adaptiert. Es ist ein Heimatfilm der anderen Art geworden: Er zeigt, wo man herkommt, wo man sich zuhause fühlt, und wie schön es ist, Menschen zu haben, mit denen man dagegen sein kann.
Weil ihnen Dosenbier-Trinken am Geheim-Treffpunkt im Wald, die Diskussionen über Bands wie The Clash, die Sex Pistols und Slime, das Abfackeln von Strandkörben und Pogotanzen in der Disko langweilig werden, beschließen die Freunde, eine Band zu gründen. Dieser Akt ist ja von jeher so etwas wie ein Initiationsritus, die Verwirklichung des Traums von Ruhm, Rache und Rebellion. Allerdings scheitert alles beinahe an der Namensfindung: Blutacker? Die Regel? Man einigt sich kurz vor dem ersten Konzert auf Warhead. Es findet in einer Kaserne statt, Sänger Sid agitiert gegen die Musikindustrie, die ihn garantiert nicht zum Sklaven machen werde, ihn nicht, und danach gibt es Dresche von den Gefreiten. Super Auftritt also.
Wie im charmanten Vorgängerwerk "Am Tag, als Bobby Ewing starb", einer Komödie über die Anti-Atomkraft-Bewegung, mischt Jessen Karikatur und Verklärung, Charaktere mit Chargen. Dabei setzt er auf Debütanten. Die Darsteller der Kumpelrunde sind allesamt Kino-Neulinge. Vor allem Cecil von Renner als Töpferlehrling Malte, dem Sohn früh verspießter 68er-Eltern, nimmt man den Enthusiasmus seiner Figur ab, ihr absolutes Beginnwollen. In einer Nebenrolle ist Axel Prahl als Kneipier mit Plattenspieler auf dem Tresen zu sehen, der die Jungs für Captain Beefheart zu begeistern versucht.
Am Ende geht der Sommer in den Herbst über, und die Jugend ist zu Ende. Die Frage, die nun beantwortet werden muss: Bleiben oder gehen? Plötzlich wird das ein wehmütiger Film. Er gibt einem das Gefühl, dass es ganz wichtig ist, Punk zu sein. Auch wenn man es zu spät und am falschen Ort ist.
Bewertung: 3 von 5 Sternen
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