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"Das Tagebuch der Anne Frank"
Ein tief erschütternder Film

"Das Tagebuch der Anne Frank" mit Martina Gedeck und Lea van Acken im Kino
Martina Gedeck als Edith, Lea van Acken als Anne Frank. FOTO: dpa, hjb soe soe
Berlin. Auch über 70 Jahre nach dem Tod von Anne Frank im KZ Bergen-Belsen bewegt ihr Schicksal die Menschen. Erst jetzt erzählt erstmals ein deutscher Kinofilm aus dem kurzen Leben der berühmten Tagebuch-Schreiberin. Von Renée Wieder

Sie tut einem so leid, Anne Frank. Eine bockige 13-jährige mitten in der Pubertät, die mit Jungs knutschen will und im Freien herumrennen und auf dem Sofa mit einem Handspiegel ungestört den eigenen Unterleib inspizieren, eingesperrt mit sieben anderen auf ein paar Dutzend Quadratmetern. Sie nervt aber auch manchmal, diese Anne, wie jeder Teenager nervt, der nicht den Raum findet für seine hormonellen Berg- und Talfahrten. Man leidet mit ihr und ebenso mit ihrem Gegenüber, wenn sie die verzweifelt auf dem Küchenboden kniende Mutter (grandios: Martina Gedeck) schubst, wenn sie den Vater (Ulrich Noethen) hemmungslos beschimpft oder mit wuttränenden Augen und zitterndem Kinn am Esstisch hockt.

Tagebuch ist Schulstoff

Nun ist Anne nicht irgendein Teenager, sondern einer der berühmtesten der Welt. Ihr Tagebuch ist Schulstoff, ihr unbändig freier Geist hat Millionen inspiriert, es gibt Hollywoodfilme, Theaterstücke und Hörspiele über ihr Schicksal. Doch abseits davon war Anne Frank eine Jugendliche wie jede andere, und darauf richtet Regisseur Hans Steinbichler in seiner Neuverfilmung den Fokus. Er will die Ikone wieder nahbar machen, sie dem Publikum von heute dichter ans Herz rücken, besonders dem jungen. Man könnte einen schlechteren Ansatz wählen, Anne Frank gerecht zu werden.

Der Film beginnt im Sommer 1942 mit einer bürgerlichen Idylle, die fast märchenhaft überhöht wird. Da sieht man die weiß gekleidete Familie Frank auf sonnigen Blumenwiesen picknicken, alle lächeln, obwohl man bereits den Judenstern tragen muss und Anne (Lea van Acken)beim Baden am Strand von Hitlerjungen angepöbelt wird. Am Tag, als die Nazis ihre Schwester Margot (Stella Kunkat) abholen wollen und die Familie ins vorbereitete Versteck umzieht, regnet es, der Himmel ist grau. Anne, das Geschöpf, das so viel Licht und Luft braucht zum Gedeihen, verschwindet über die Türschwelle in die Dunkelheit.

Sie sind einfach Mädchen

Ab da besteht Annes Welt nur aus Kerzenlicht und Angst. Öffnet nicht die Fenster, benutzt die Toilette nur nachts, flüstert. Und lasst niemals, niemals etwas fallen. Es dauert nicht lange, bis man mit den Franks nach Luft ringt in dieser drangvollen Enge, die noch verstärkt wird durch Reibereien mit den anderen Bewohnern. Kurze Momente der Erleichterung bringen Szenen, in denen Anne und Margot einfach Mädchen sind, über die erste Regel und die erste Liebe streiten und sich den BH mit Socken ausstopfen. Es sind Versuche, unter unmenschlichen Bedingungen Mensch zu bleiben, trotzige Ausfallschritte gegen den alltäglichen Wahnsinn.

Zwei Jahre lang harren die Flüchtlinge hinter der Geheimtür von Freunden aus. Kurz zuvor haben die Eltern Anne das Tagebuch geschenkt. Sie tauft es Kitty und vertraut ihm alles an, wie einer Freundin. Die 16-jährige Lea van Acken spielt das großartig, klug und forsch und zugleich verletzlich. Immer wieder spricht sie Passagen aus dem Tagebuch direkt in die Kamera, als wäre Kitty der Zuschauer. Manchmal dringlich, wie um einen zu bitten, etwas zu unternehmen. Weil man es nicht kann, sind das die schmerzlichsten Szenen des Films.

Kontroverse um die Schlussszenen

Der erste deutsche Kinofilm über Anne Frank entstand unter einer Reihe von Schwierigkeiten. Es gab kreative Unstimmigkeiten zwischen Steinbichler, der sonst gehobenes bayrisches Heimatkino wie "Winterreise" macht, Drehbuchautor Fred Breinersdorfer ("Elser") und dem Basler Anne Frank Fonds, der die Rechte am Stoff besitzt. Noch in der Postproduktion wurde Steinbichlers historisch angeblich ungenauer Film in Form geschnitten. Kontroversen gab es auch über die Berechtigung einiger drastischer Schlussszenen in Auschwitz und Bergen-Belsen, also teils lange nach dem Ende von Anne Franks Aufzeichnungen.

Nun fügt sich das Ende, zurechtgeschnitten oder nicht, in erschütternder Weise an einen ohnehin tief erschütternden Film. Nachdem die Franks von der Gestapo entdeckt und nach Auschwitz deportiert sind, müssen Anne, Margot und die Mutter sich entkleiden, man sticht ihnen die Nummern in die Haut und rasiert ihre Schädel. Während der demütigenden Prozedur sieht Anne noch einmal frontal in die Kamera, spricht aber, unerträglich, kein Wort mehr. Dann zerrt der Arm einer Wärterin sie seitwärts aus dem Bild. Einfach so.

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