Kino-Kritik: "Das wilde Leben": Die populärste Uschi der 68er
zuletzt aktualisiert: 31.01.2007 - 21:16Frankfurt/Main (RPO). Rudi Dutschke ist tot, hat aber gerade in Berlin eine nach ihm benannte Straße bekommen. Uschi Obermaier lebt und darf sich nun an einem Film über ihr Leben erfreuen. "Das wilde Leben" zeigt die bewegte Jugend der Uschi Obermaier - inklusive Politik, Sex und Weltreise mit einem Halbwelt-Macho.
Dutschke wie Uschi Obermaier sind beide prominente Namen der Jahre um 1968, in denen Deutschlands junge Intelligenz die Rebellion für ein ganz anderes Leben probte, aber letztlich doch nur den Weg frei machte für die libertäre totale Konsumgesellschaft heutiger Ausprägung.
Es ist also recht folgerichtig, dass die politische Symbolfigur jener Jahre längst nicht mehr unter den Lebenden weilt, hingegen die bekennend unpolitische Schöne aus einem Münchner Vorort mit dem von Achim Bornhak inszenierten Streifen ein spektakuläres Comeback feiert. Die lebenshungrige Uschi und die theorielastige Rebellion der Langhaarigen, das war schon immer ein einziges Missverständnis, allerdings das wohl attraktivste und bildmächtigste der 68er-Bewegung.
Und deshalb ist es verwunderlich, die Geschichte einer aus biederen Verhältnissen stammenden jungen Frau, die auszog, mit Sex und Selbstsucht sich ihren Platz an der Sonne zu erobern, erst jetzt im Kino realisiert zu sehen. Aber vielleicht war die Zeit auch noch nicht reif genug für den Stoff. Doch nachdem Obermaier im September letzten Jahres ihren 60. Geburtstag gefeiert hat, ist der nun vorliegende Film sozusagen auch ein leicht verspätetes Geschenk, mit dem die schon lange in Kalifornien als Schmuckdesignerin lebende Münchnerin durchaus zufrieden ist als «ihr Fenster» in jene Zeit.
Das liegt nicht zuletzt an der 26-jährigen Natalia Avelon, die die APO-Schöne mit vollem Körpereinsatz, aber schauspielerisch durchaus talentiert verkörpert. Avelon ist mindestens so hübsch abzuschauen wie einst Uschi Obermaier und kann in den vielen Nacktszenen sogar mehr Busen als die fidele Münchnerin vorzeigen. Matthias Schweighöfer als Rainer Langhans zeigt eher eine Karikatur des ob seiner Darstellung im Film ziemlich verärgerten Originals. Der ist einige Jahre älter und dazu wesentlich intelligenter und gewitzter als Obermaier, wirkt aber im Film hölzern und eher unreif. Langhans hatte den Filmemachern seine Mitarbeit an der Produktion angeboten, war aber auf Desinteresse gestoßen.
Gestalt aus Halbwelt- und Rotlichtmilieu
Warum man Schweighöfer allerdings noch nicht einmal die charakteristische Rundbrille des Kommunarden aufgesetzt hat, bleibt so rätselhaft wie ärgerlich. Gelungener erscheint die Darstellung von Uschis großer Liebe Dieter Bockhorn durch David Scheller. Bockhorn, der bei einem Motorradunfall in Mexiko ums Leben kam, war eine abenteuerliche Gestalt aus dem Hamburger Halbwelt- und Rotlichtmilieu. Die Beziehung zu ihm war Obermaier sogar wichtiger als das luxuriöse, aber öde Groupieleben im Drogenrausch mit Rockidolen wie Keith Richards, dem Gitarristen der Rolling Stones und vielen anderen Berühmtheiten, die sich und ihre Betten bei Bedarf mit der offenbar stets bereitwilligen bayerischen Schönen schmückten.
Die Weltreisen Uschis mit Bockhorn in einem Luxusbus nehmen im Film nicht wenig Platz ein, machen aber wenig Eindruck: Dass es Deutsche besonders gern in ferne Länder zieht, unterscheidet die Frau mit dem «wilden Leben» nicht von Herrn und Frau Jedermann. Letztlich ist Uschi Obermaier wohl mehr eine «ausgeflippte Zuckerpuppe» gewesen als eine wirklich interessante oder gar repräsentative Figur der bewegten Jahre um 1968. Bewundernswert ist immerhin, wie viel Profit sie aus ihrem körperlichen Kapital geschlagen hat und nun multimedial noch einmal zu gewinnen weiß.
Nach dem Film, so gab sie jüngst im Fernsehen kund, wolle sie mit der Vergangenheit endlich in Ruhe gelassen werden. Diese Bitte sollte beherzigt werden, auch wenn man dazu keineswegs den stets an der Oberfläche schürfenden Film gesehen haben muss. Obermaier-Darstellerin Natalia Avelon ist allerdings zu wünschen, nach dieser Rolle nicht gleich wieder in der Versenkung zu verschwinden. Denn Avelon hat nun wirklich das Beste aus einer Figur gemacht, die keine «68er Ikone» war und ist, wie es nun verschiedentlich propagiert wird, sondern eine clevere Zeitgeist-Surferin mit dem Willen zum hemmungsarmen Lebensgenuss. «Das wilde Leben» zeigt, wie unterhaltsam das für Sexy-Uschi war. Ob das auch viele Kinobesucher für unterhaltsam halten, bleibt abzuwarten.
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