Roadmovie "Rückenwind": Der Natur ausgeliefert
VON FRANK NOACK - zuletzt aktualisiert: 04.06.2009 - 11:16(RP).Die Blütezeit des deutschen Schwulenfilms begann mit Rosa von Praunheims "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971) und endete mit Heiner Carows "Coming Out" (1989). Die gesellschaftlichen Veränderungen, die diese Filme bewirken wollten, haben sie überflüssig gemacht. Schwule benötigen keine Unterstützung durch das Kino mehr, seit sie sich in Talk-Shows und sogar in der Politik repräsentiert finden.
Deutsche Filmemacher, die weiterhin ihre eigene Sexualität thematisieren möchten, stehen unter Leistungsdruck. Sie müssen akzeptieren, dass Schwulsein nicht mehr abendfüllend ist. Sie müssen sich mit berühmten Kollegen wie Patrice Chéreau, Francois Ozon, Gus Van Sant oder Pedro Almodóvar messen, die aber noch ein paar andere Themen verfolgen.
Der 1973 geborene Jan Krüger mag zu introvertiert sein, um den Bekanntheitsgrad der genannten Kollegen zu erreichen, aber er ist auf dem richtigen Weg. Obwohl er von den Abenteuern eines schwulen Paares erzählt, würde sein Film auch mit einem heterosexuellen Paar funktionieren. "Rückenwind" handelt von einer nasskalten Bewährunsgprobe. Der robuste, freche Robin (Eric Golub) überredet seinen sensiblen Freund Johan (Sebastian Schlecht) zu einer Fahrradtour durch die Wälder Brandenburgs. Unterwegs verlieren sie die Räder, sie haben auch keine Zeltstangen dabei und sehen sich der unbarmherzigen Natur ausgesetzt. Schließlich landen sie auf einem Bauernhof, den eine Mutter mit ihrem pubertierenden Sohn betreibt.
Robin und Johan kennen sich noch nicht lange. Der Film entwickelt seine Spannung daraus, dass auch der Zuschauer die beiden nur langsam, und nie richtig kennenlernt. Ihre soziale, familiäre und berufliche Identität bleibt unklar. Ein Hang zur Kleinkriminalität wird angedeutet. Das ist völlig neu im (nicht nur) deutschen Schwulenfilm, der eine moralische Überlegenheit gegenüber tumben Hetero-Prolls beansprucht. Robin und Johan sind zwar erst Anfang zwanzig, aber sie sind nicht süß und niedlich, und sie wecken keine Beschützerinstinkte.
Ungewöhnlich für einen deutschen wie für einen schwulen Film ist Krügers Gespür für die Natur. Sie entwickelt ein Eigenleben, ist abwechselnd idyllisch und bedrohlich, und die beiden furchtlosen Nachwuchsdarsteller sind bereit, sich ihr auszuliefern.
Bewertung: 4 von 5 Sternen
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