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  Foto: Piffl
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Kindheitsdrama "Bal - Honig": Der Siegerfilm der Berlinale

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 09.09.2010 - 10:53

(RP). Der türkische Regisseur Semih Kaplanoglu hat einen überragenden Film über eine Kindheit in den anatolischen Bergen gedreht. "Bal – Honig" erzählt in kargen, poetischen Bildern von einem Bienenzüchter und dessen Sohn. Zu Recht gewann der Film die Berlinale.

Es braucht nicht viele Worte, um vom Ende der Kindheit zu erzählen, vom Hinausfallen aus dem warmen Kokon der Familie, aus der trügerischen Gewissheit, es könne einem nichts Schlimmes widerfahren.

Yusuf ist gerade in die Schule gekommen, eine Dorfschule in den Bergen Anatoliens. Er ist ein ernster Junge, still, beharrlich, ein Beobachter. Solche Kinder haben es schwer, wenn sie plötzlich vor Mitschülern zeigen sollen, was sie können. Solche Kinder bleiben in der Pause lieber drinnen, im Schutz des Klassenraums; selbst, wenn es auf dem Hof gar nicht ruppig zugeht.

Es ist eine der großen Leistungen dieses kargen, wunderschönen Films "Bal – Honig", dass der Zuschauer diesen Jungen verstehen lernt, ohne dass der auch nur einmal über sich sprechen würde. Die Bilder sagen alles: Yusuf, wie er in der Schulbank sitzt mit diesen angstgeweiteten Augen. Und als er dran ist, vorlesen soll, zerbröckeln ihm die Worte im Mund zu hilflosem Gestammel. Dann der Blick zu dem bauchigen Glas, in dem sein Lehrer die roten Plastikanstecker aufbewahrt, für Kinder, die Lesen können. Wieder wird Yusuf keinen bekommen. Schrecklich, Scham mitanzusehen.

Vom Leben lernen

Wie anders lernt er doch von seinem Vater. Der ist Bienenzüchter wie viele in dieser Gebirgsregion im Nordosten der Türkei. Seine Körbe hängt er in die Wipfel der schier endlosen Tannen. Ein einfaches Seil wirft er über einen Ast in der Krone, wuchtet sich daran hinauf, Schritt für Schritt stemmt er sich gegen die Rinde, den Körper waagerecht über dem Abgrund. Yusuf sieht zu, wenn der Vater daheim die Taue prüft; er darf auf dem Esel reiten, wenn sie in die Berge ziehen. Und wenn es regnet, stöbert er durch die Werkstatt seines Vaters, nimmt Werkzeuge in die Hand, spürt schon einmal, wie sie sich anfühlen werden.

Das Ende der Kindheit

Es ist tief beeindruckend, mit welchem Gespür der türkische Regisseur Semih Kaplanoglu Szenen findet, die typisch sind für die Kindheit, von der er erzählen will, aber nie plakativ oder sentimental. Eigentlich macht er es genau wie Yusuf: Er beobachtet, lässt sich von Stimmungen fangen, hat den Mut, Bilder so lange stehen zu lassen, bis auch der Zuschauer sich vom Regen in den Bergen davonschwemmen lässt. Genau wie Yusuf, der im Wohnzimmer am Fenster hockt und nach draußen starrt mit kindlicher Konzentration und Ausdauer.

Der Junge wartet. Denn ein merkwürdiges Bienensterben hat eingesetzt. Der Vater muss in höhere Bergregionen wandern, um seinen schwarzen Waldhonig zu gewinnen, muss noch mehr Risiko eingehen bei seinem gefährlichen Handwerk. Diesmal darf Yusuf den Vater nicht begleiten, und als der nicht heimkommt wie erwartet, hört Yusuf ganz auf zu sprechen, zieht sich zurück in sich selbst, schaut die Mutter nur noch schweigend an. Da geht auf andere Art als durch den Schuleintritt die Kindheit zu Ende, brutal, endgültig. Doch auch das wird ohne Pathos gezeigt und ist gerade in seiner Sprachlosigkeit tief erschütternd.

Schlusspunkt einer Trilogie

Mit "Bal" beschließt Kaplanoglu eine Trilogie, in der er rückwärts aus Yusufs Leben erzählt. Im ersten Teil "Ei" ist die Figur 40 Jahre alt, Schriftsteller, und kehrt nach dem Tod der Mutter aus der Großstadt in die Heimat zurück. Der zweite Film "Milch" erzählt vom 20-jährigen Yusuf, der davon träumt, Dichter zu werden. Mit dem Schritt zurück in Yusufs Kindheit zeigt Kaplanoglu nun, was diesen Menschen zu einem Künstler hat werden lassen: Seine Aufmerksamkeit, sein Ernst, vielleicht auch das frühe Erkennen der Endlichkeit.

Und dazu hat der Regisseur den perfekten Darsteller gefunden. Nach erfolglosen Castings begegnete ihm der sechsjährige Bora Atlas einfach auf der Straße. Der Junge spielt diesen Film nicht, es ist, als lebte er die Geschichte. Doch immer ist da eine letzte Distanz zum Zuschauer, etwas eigenbrötlerisch Traumverlorenes, das den Jungen unangetastet lässt von der Kamera.

Abschied und Verluste

Zugleich hat Kaplanoglu einen ungewöhnlichen Landschaftsfilm gemacht, einen Bergfilm, der ohne wagnerianisches Filmmusik-Brausen zu Klippenaufnahmen auskommt, ohne künstliche Beleuchtung und doch von der Majestät und Unerschütterlichkeit der Natur erzählt. Yusuf und sein Vater bewegen sich im Einklang mit den Bergen, den Wäldern, betrachten Blumen, ernten ihren Honig, behutsam, respektvoll.

Doch Kaplanoglu verschweigt nicht die Mühsal dieses Lebens, die Rückständigkeit, die Gefahren. Der Film will die Uhren nicht zurückdrehen, er will nur zeigen, welche Würde ein Leben in uralter Tradition haben kann.

Aber vielleicht ist das auch schon zu viel gesagt. "Bal" bedrängt den Zuschauer nicht mit einer Botschaft, er ist nur nicht gleichgültig. Und dazu scheint er wie getränkt von einer Art Trauer darüber, dass Erwachsenwerden immer mit Abschieden und Verlusten zu tun hat. Yusuf ahnt es, lange bevor sein Vater in die Berge aufbricht. Und der Zuschauer versteht auch das ohne Worte.

Bewertung: 5 von 5 Sternen

Quelle: RP

 
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