Costa-Gavras hat Rolf Hochhuths Bühnen-Welterfolg verfilmt: "Der Stellvertreter" mit Ulrich Tukur
zuletzt aktualisiert: 10.06.2002 - 11:47Frankfurt/Main (rpo). Schon das Bühnendebüt von "Der Stellvertreter" sorgte für Aufsehen. Jetzt hat sich ein griechischer Regisseur des Stücks angenommen und ihn mit einem grandiosen Ulrich Tukur in der Hauptrolle verfilmt.
Vor fast 40 Jahren sorgte das Bühnendebüt eines jungen Autors namens Rolf Hochhuth für weltweites Aufsehen und erbitterte Diskussionen. "Der Stellvertreter" hieß das Stück. Es handelte von der Frage, wie sich Papst Pius XII. in den Jahren des Zweiten Weltkriegs zur Vernichtung der Juden verhielt, und warum er dazu schwieg, obgleich er von dem ungeheuerlichen Verbrechen der Nazis erfahren haben musste. Einer der Deutschen, die von dem Geschehen nicht nur Kenntnis besaßen, sondern die Welt darüber aufklären wollten, war Kurt Gerstein.
Der 1905 in Münster geborene Juristensohn war, obwohl wegen seiner christlich-protestantischen Grundüberzeugung Nazi-Gegner, in das Räderwerk des Massenmordes eingedrungen. Das hatte er seinen Kenntnissen als Ingenieur und Mediziner zu verdanken, die ihn zum Spezialisten für die tödlichen Giftgase machten, mit denen in den Konzentrationslagern unzählige Menschen getötet wurden. So wurde Gerstein zugleich Komplize wie auch Zeuge der Taten, die im Namen Deutschlands verübt wurden. Doch als Patriot und Christ wollte der Mann Alarm schlagen, informierte neutrale Diplomaten, Kirchenvertreter und übte sich auch in stiller Sabotage.
Faszinierender Stoff auf der Leinwand
Nun hat der seit vielen Jahren in Frankreich lebende und arbeitende griechische Regisseur Konstantin Costa-Gavras diesen Deutschen zum Helden seines neuen, am 30. Mai in die Kinos kommenden Films "Der Stellvertreter" nach Hochhuths Drama gemacht. Costa-Gavras, 1969 mit dem Polit-Thriller "Z" weltberühmt geworden, hat damit etwas geschafft, wozu der deutsche Film in fast 40 Jahren nicht fähig oder nicht willens war: diesen faszinierenden Stoff auf die Kinoleinwand zu bringen. Allein dafür gebührt dem Griechen mit der Vorliebe für einsame Heroen große Anerkennung. Diese kann aber auch der Art und Weise gelten, wie die Geschichte in Szene gesetzt wurde.
Eine der großartigsten und erschütterndsten Szenen des Films zeigt, wie Gerstein und andere SS-Männer durch ein Guckloch in die Gaskammer eines KZ blicken, um zu beobachten, wie das Gift die Eingeschlossenen tötete. Der Schrecken, den die sichtlich schockierte, dabei völlig wortlose Reaktion der bis auf Gerstein äußerst abgebrühten Männer vermittelt, könnte nicht größer sein. Costa-Gavras hat dazu gesagt: "Wir entschieden früh, die Konzentrationslager oder die Ermordung der Juden nicht zu zeigen, denn kein Film kann diese Realität erreichen." Ähnlich operiert der Regisseur bei der anderen zentralen Figur, dem umstrittenen Papst.
Papst wird zum abstrakten Sinnbild
"Der Vatikan ist ein Werkzeug der Macht... Der Papst ist die Ausstrahlung dieser Macht. In unserem Film ist er völlig abstakt - eine Figur, ein Sinnbild. Seine einzige Realität ist seine Umgebung mit ihren Zeremonien." Folglich bleibt die zentrale Figur des Films ohne jede individuelle Ausprägung eine hagere, ungreifbare Gestalt. Costa-Gavras hat Hochhuths Vorlage den idealistischen katholischen Priester Riccardo Fontana hinzugefügt, gespielt von dem Franzosen Mathieu Kassovitz, eine Art Ergänzung zu dem deutschen Protestanten Gerstein - eine akzeptable Entscheidung des Drehbuchs.
Doch Gerstein bleibt schon deshalb der wesentlich interessantere Handlungsträger, weil Ulrich Tukur diesen tragisch geendeten Mann großartig spielt. Ihm nimmt man den Träger der Waffen-SS-Uniform ebenso ab wie den grüblerischen deutschen Patrioten, der gequält wird vom Wissen um das entsetzliche Geschehen hinter der Ostfront. Mit Ulrich Mühe als zynischen Mediziner, Hanns Zischler, Sebastian Koch und vielen anderen bekannten einheimischen Darstellern ist "Der Stellvertreter" durchaus auch ein deutscher Film geworden. Es ist zu hoffen, dass er auch und gerade hier zu Lande viele Zuschauer findet.
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