Bernd Eichingers Drama über die letzten Kriegstage: Der Untergang: Adolf Hitler als Mensch
zuletzt aktualisiert: 13.09.2004 - 12:20Adolf Hitler war ein Mensch. Dieses schwierige Thema bringt Bernd Eichinger in seinem Drama "Der Untergang" auf die Leinwand. Der Kriegstreiber, der seit 1945 als Synonym für das Böse gilt, brachte mit seinem Größenwahn am Ende eines langen Kampfes seinem Volk den Untergang. Er selbst ging mit.
Wie sich dieses letzte Kapitel der unseligen Nazi-Herrschaft zwischen Drama, Tragödie, Komödie und blutiger Groteske abspielte, zeigt die wohl wichtigste und riskanteste deutsche Kinoproduktion seit vielen Jahren ab dem 16. September.
"Der Untergang" ist der Titel des 155-minütigen Films, der ohne Bernd Eichinger, der auch das Drehbuch verfasste, nicht zu Stande gekommen wäre. Der Münchner Produzent, der schon etliche große Projekte auf den Weg brachte, hatte den Mut zu einem ebenso überfälligen wie notwendigen Tabubruch. Denn Hitler, Joseph Goebbels und Anhang weder als Karikaturen noch als Teufelsbrut zu denunzieren, sondern sie im Angesicht ihres totalen Scheiterns als verzweifelte Menschen und skrupellose Staatsverbrecher zu zeigen, die mit törichten Illusionen Zehntausende in den Tod jagen, um noch einige Tage im Bunker zu vegetieren - das haben deutsche Filmemacher bislang nicht in dieser Konsequenz gewagt.
Wer den von Oliver Hirschbiegel solide inszenierten Film gesehen hat, wird sich fragen, warum das so lange gedauert hat. Die Antwort ist einfach: Die Zeit dafür ist nun erst reif, da die dunkelste Periode Deutschlands nicht mehr die Gegenwart erdrückt, sondern schon deshalb Geschichte wird, weil immer weniger Zeitzeugen noch unter den Lebenden sind. Aber es bedurfte auch einer beispiellosen schauspielerischen Glanzleistung des Schweizers Bruno Ganz, um diesen Dämon, der Hitler war, auf so differenzierte Weise auf die Leinwand zu bringen.
Es ist weniger die in der Tat verblüffende äußere Ähnlichkeit des Darstellers mit dem Tyrannen, die fasziniert. Noch mehr in Bann schlägt das beklemmende Psychogramm eines Mannes, der im Augenblick seines Absturzes das Volk verdammt und verflucht, das sich ihm mehrheitlich unterworfen hatte und ihn als "Führer" idolisierte. Wenn dieser noch einmal kurz seinen Bunker verlässt und fanatisierten Hitler-Jungen mit zitternden Händen Orden anheftet, eine der beklemmendsten Szenen des Films, dann ist der Diktator zwar schon dem Untergang geweiht, aber noch immer übt er Macht über Menschen aus, schickt sie noch immer in den Ruinen seines zur Kapitulation verdammten Reiches in Tod und Verwundung.
Episoden des finalen Wahnsinns
Hitler selbst, auch das zeigt der Film sehr deutlich, wollte weder aus Berlin fliehen noch gar in russische Gefangenschaft geraten. Wenn er schon nicht siegen konnte, bevorzugte er einen spektakulären Abgang in die Hölle, was ihm ja auch gelungen ist. Seine späte Heirat mit der Geliebten Eva Braun, vollzogen unter aberwitzigen Umständen; sein uneinsichtiges politisches Testament, diktiert seiner Sekretärin Traudl Junge, die gleichzeitig auch noch das Vermächtnis von Goebbels notieren soll - das sind Episoden des finalen Wahnsinns, die Eichinger und Hirschbiegel grandios in Szene gesetzt haben.
Emotional am bedrückendsten aber ist der Film, wenn die von Corinna Harfouch furios gespielte Magda Goebbels, die Frau des ebenfalls im Bunker weilenden Propagandaministers, ihre sechs Kinder vergiftet und sich danach in unwirklicher Verzweiflung die Karten legt. Immer wieder wechseln die Szenen im Bunker mit solchen aus der erbittert umkämpften Hauptstadt Berlin. Grauen und Verzweiflung jener Tage werden sicht- und fühlbar. Es ist ein historisches Drama, von dem noch in fernen Jahrtausenden berichtet wird. Zumindest das haben Hitler, Goebbels und die Nazis der Welt als böses Erbe hinterlassen.
Ein großer Stoff braucht großes Kino. Und das ist mit "Der Untergang" allen Unkenrufen zum Trotz gelungen. Nicht zuletzt ist es die hervorragende Besetzung, von den Hauptdarstellern bis hin zu den kleinsten Rollen, die den Film zum Ereignis machen: Juliane Köhler als Eva Braun, Ulrich Matthes als Goebbels, Heino Ferch als vielleicht etwas zu positiv gezeichneter Albert Speer und Alexandra Maria Lara als Traudl Junge - das sind neben Ganz und Harfouch diejenigen, deren Spiel das schreckliche Geschehen so eindringlich macht.
"Der Untergang" wird nicht nur in Deutschland, sondern gerade auch im Ausland mit großer Spannung, aber auch mit gewisser Skepsis erwartet. Sollten die Deutschen doch noch späten Gefallen an ihrem Verderber und einstigem "Erlöser" finden? Wer den Film gesehen hat, kann völlig beruhigt sein. Hitler als Mensch zu zeigen, ist ein entscheidender Schritt, sich endlich aus dem Schatten des Dämonen zu befreien. Bernd Eichinger hat diesen Schritt gewagt und sich um die Nation verdient gemacht.
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