Weltuntergang in "Melancholia": Die Apokalypse nach Lars von Trier
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 05.10.2011 - 07:48Düsseldorf (RP). Ist das der Film des Jahres? Der dänische Regisseur und Provokateur lässt in seiner Kino-Produktion "Melancholia" die Welt untergehen. Die letzten Tage der Menschheit fasst er in Bilder von überwältigender Schönheit. Die Hauptrollen spielen Kirsten Dunst und Charlotte Gainsbourg.
Das ist nicht einfach ein Film, das ist eine Oper, eine Videoinstallation, und es geht nicht um Geschichten oder das Leben, sondern um absolute Schönheit. Lars von Triers neue Arbeit "Melancholia" beginnt mit einer langen Sequenz in extremer Zeitlupe, darin versammelt er die zentralen Szenen der folgenden 130 Minuten, und diese Eröffnung gehört mit der Schlusseinstellung zu den berückenden Kino-Erlebnissen der letzten Zeit. Es sind Chiffren und Symbole von überwältigender Intensität, Wagners "Tristan und Isolde" erklingt dazu.
Man sieht eine Braut, die von Schlingpflanzen am Weglaufen gehindert wird, eine Mutter, die ihr Kind in Sicherheit bringen möchte, aber im tiefen Boden einsackt, und auch das Ende nimmt der dänische Regisseur vorweg, indem er zeigt, wie die Erde mit einem größeren Planeten zusammenstößt und verglüht.
Apokalypse bei Lars von Trier
Es ist wieder Apokalypse bei Lars von Trier, und wenn die Handlung beginnt, die er mit wackliger Handkamera gefilmt hat, spulen vor dem Zuschauer gleichsam als Rückblende die letzten Tage der Menschheit ab. Der Planet "Melancholia" bedroht den Erdball, er rast mit 90 000 Kilometern pro Stunde auf eine Gesellschaft zu, die im Schloss Hochzeit hält.
Justine heißt die Braut, die in dieser Nacht Ehemann und Job verlieren wird. "Melancholia" ist an dieser Stelle ein giftiges und stellenweise komisches Gesellschaftsdrama. Die Kamera umschmeichelt das Gesicht Justines (Kirsten Dunst), sie kommt ihm nahe, dokumentiert dessen Verfinsterung.
Ein Gefühl drückt Justine nieder, sie wehrt sich, aber bald kann sie es nicht mehr verbergen. Sie flieht die Gesellschaft, den Zeitplan, die Ordnung der Feier, die ihre Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) organisiert. Was der Auftakt für ein neues Leben sein sollte, wird zum Tief- und Endpunkt. Es ist das Chaos.
Nach der Premiere von "Melancholia" in Cannes fiel Lars von Trier mit albernen Provokationen aus der Rolle, er verhedderte sich mit Zitaten über Hitler in einem Irrgarten der Bescheuertheit, und man sollte nicht den Fehler machen, sich beim Betrachten der Bilder von dem quälend peinlichen Auftritt beeinflussen zu lassen. Von Trier ist ein Genie, wenn er mit nebelgefiltertem Licht, verwaschenen Farben und digitalen Hilfsmitteln beeindruckende Tableaus schafft. Von Trier darf man nicht zuhören, man muss ihn schauen.
Ästhetik vor humaner Wahrhaftigkeit
Wieder – wie beim Vorgängerfilm "Antichrist" – kann man dem 55-Jährigen indes zum Vorwurf machen, er interessiere sich zu wenig für seine Figuren. Wie Justine in ihre Eintagsehe getaumelt ist, warum sie des Lebens müde sein mag, was überhaupt das Personal umtreibt – man erfährt es nicht. So wenig welthaltig sind diese Frauen und Männer, dass man nicht Mitleid empfindet, sondern der Auflösung im Nichts sogar mit Spannung entgegensieht.
Von Trier ist nicht an humaner Wahrhaftigkeit interessiert, sondern an Ästhetik, er ist Semiotiker – das System der Zeichen beschäftigt ihn stärker als die Biochemie der Gefühle. Das gibt der Produktion etwas Kristallines, Kühles und Geistiges. Was man sieht, ist trotz Wagner-Verschleierung, Romantik-Zitat und grandioser Ensembleleistung Kopfkino.
In der zweiten Hälfte von "Melancholia" zieht von Trier das Tempo an, im Mittelpunkt steht nun Claire, die ihre depressive Schwester bei sich auf dem abgeschiedenen Landsitz ihres Ehemannes aufnimmt. Ein Ort in Anführungsstrichen, inszeniert und fiktionalisiert. Die Männer dort sind Zauderer und Pinsel; wenn es ernst wird, verdrücken sie sich, und da nicht weniger als der Weltuntergang droht, bleiben bald nur mehr Justine, Claire und ihr kleiner Sohn.
Die nahende kosmische Katastrophe bringt die Bilder zum Zittern, sie erwarten buchstäblich die Vollendung. Von Trier kombiniert virtuos die Genres Science Fiction und Psychodrama, er spielt und zaubert, und während Justine immer ruhiger wird, erfasst Claire Panik. Die Pferde schreien im Stall, das Gewürm kriecht aus dem Boden ans Licht, und der Planet Melancholia drängt mit erhabener Entschlossenheit den Himmel aus dem Blick. Das Dräuen des Schicksal sah selten so gut aus.
In seinem Bestreben, das Endspiel möglichst suggestiv zu gestalten, unterlaufen von Trier jedoch Kunstkitschigkeiten wie die Szene, in der Justine in der Bibliothek Kunstbände mit den geometrischen Formen des Konstruktivismus gegen Brueghels "Jäger im Schnee" und Millais' "Ophelia" austauscht. Hier traut der Manipulator dem Zuschauer offenbar nicht, und auch die nackte Justine, die im Licht des Planeten Melancholia badet, wirkt allzu plump.
Dennoch ist das ein origineller und betörender Film, radikal wie zuletzt nur Terrence Malicks "Tree Of Life", wenn auch ansonsten nicht mit der US-Produktion zu vergleichen. Der wagnerseligen Schlusseinstellung ist anzumerken, dass von Trier alles auf sie zugeschrieben hat.
Wer nach "Antichrist" das Kino gebeugt verließ, weil der Film, den manche Videothek in der Abteilung "Horror" führt, ihm gnadenlos in die Magengrube geschlagen hat, wird sich nun geradezu erleuchtet fühlen. Das Ende ist voller Trost, eine Offenbarung. Seit langer Zeit gönnt von Trier seinem Personal wieder Gnade, er erlöst es, und er findet ein Bild für die Vollkommenheit: Es ist das der schwarzen Leinwand.
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