Film-Kritik: Die fetten Jahre sind vorbei: Sanfte Rebellen
zuletzt aktualisiert: 22.11.2004 - 09:18"Die fetten Jahre sind vorbei" könnte die neue Bezeichnung für die Krisenstimmung der deutschen Gegenwart werden. Hans Weingartners Film, der beim Festival in Cannes als erster deutscher Wettbewerbsbeitrag seit elf Jahren startete, wurde schon dort mit Standing Ovations gefeiert. Die 'ernste Komödie' zeigt die Ratlosigkeit und das Aufbruchsverlangen einer Jugend ohne Orientierung.
Jan, Peter und Jule sind die drei jungen Menschen, denen wir in diesem mit 126 Minuten etwas zu lang geratenen Film begegnen. Sie wohnen in Berlin, schlagen sich mit Jobs durchs Leben und bewegen sich in dem Milieu, was man als alternativ-autonom zu bezeichnen pflegt. Peter hat mit der zierlichen Jule eine Liebesbeziehung. Mit dem sensiblen Grübler Jan verbindet ihn mehr als nur Freundschaft: Beide gehen nachts auf subversive Touren mit ihrem Lieferwagen, brechen in die Villen abwesender reicher Besitzer ein und räumen dort die Wohnungen radikal um, ohne jedoch etwas zu stehlen.
Nach jeder Aktion hinterlassen sie unter der ironischen Unterschrift "Die Erziehungsberechtigten" launige Botschaften wie "Sie haben zu viel Geld" oder eben "Die fetten Jahre sind vorbei". Das geht immer wieder gut, doch dann kommt es zu Komplikationen. Denn während Peters kurzer Abwesenheit aus Berlin verknallen sich Jan und Jule ineinander. Gemeinsam dringen sie in die Villa des Mannes ein, bei dem Jule nach einem unseligen Autounfall hoch in der Kreide steht. Was als kleine Racheaktion gedacht war, entwickelt sich nach dem plötzlichen Auftauchen des Besitzers namens Hardenberg zum folgenreichen Drama.
Traue nie einem Alt-68er
Denn Jan und Jule müssen nicht nur Peter zur Hilfe rufen, sondern die drei Rebellen entführen auch Hardenberg und verfrachten ihn auf die leere Alpenhütte von Jules Onkel. Dort wollen sie Klarheit gewinnen, was sie mit dem gedemütigten Erfolgsmenschen Hardenberg anfangen könnten. Die Situation gewinnt ihre eigene Dynamik, Täter und Opfer kommen sich näher. Doch nach der Freilassung Hardenbergs, der 1968 noch mit Rudi Dutschke und dem SDS biedere Bürger erschreckt hatte, zeigt sich: Traue nie einem 68er! Gleichwohl gibt es ein hoffnungsvolles Ende für die drei Jungrebellen.
"Die fetten Jahre sind vorbei" ist trotz mancher Längen und einiger inszenatorischen Schwächen ein erfrischender Film. Das liegt zum einen an den hervorragend agierenden Schauspielern: Julia Jentsch spielt Jule mit anrührender Intensität; Daniel Brühl, seit "Good Bye, Lenin" ein Star, ist ein grüblerischer Jan (er arbeitete schon in "Das weiße Rauschen" mit Weingärtner zusammen); der gebürtige Kroate Stipe Erceg verkörpert glaubwürdig den stets optimistisch-anpackenden Peter; Burghart Klaussner mimt in der Hardenberg-Rolle grandios einen von der Jagd nach Geld korrumpierten Mann. Durch den Dreh mit digitaler Handkamera blieb den Schauspielern viel Raum für Improvisationen. Nicht weniger ins Gewicht fällt allerdings die politisch hintergründige Geschichte um eine Entführung wider Willen.
In dieser Tat spiegelt sich die etwas wirre, gleichwohl ziemlich verständliche Auflehnung einer Jugend wider, die nach einem Ausweg aus den erstarrten, doch immer krisenhafteren Verhältnissen sucht. Weingartner und seine Protagonisten sympathisieren deutlich mit einem "linken" Ausweg, dafür spricht auch der Schluss des Filmes. Ob das noch der realen Entwicklung entspricht, sei dahingestellt. Der Vorarlberger in Berlin hat jedenfalls etwas riskiert, sein Werk bezieht Position und provoziert. Es wäre schön, wenn das Kinopublikum Weingartners Mut und Frische belohnen würde. "Die fetten Jahre sind vorbei" ist ein wichtiger, sehr diskussionswürdiger deutscher Film dieser Jahre.
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