"Die Journalistin" - Cate Blanchett als irische Ikone
zuletzt aktualisiert: 08.09.2003 - 09:40Frankfurt/Main (rpo). Was in den Slums von Dublin vorgeht, interessiert weder Politiker noch Polizei, und so hängen schon Teenager an der Nadel, spielen Kinder im Sandkasten mit Rauschgiftspritzen; die Dealer zeigen sich frech in aller Öffentlichkeit. Nur eine schaut hin im Politthriller "Die Journalistin".
Reporterin Veronica Guerin riskiert in ihrem Kreuzzug gegen die Hintermänner des Drogenhandels Kopf und Kragen. Und weil die Figur, in Irland mittlerweile zur Märtyrer-Ikone geworden, authentisch ist, kann auch ein von der Traumfabrik Hollywood produzierter Film nichts daran ändern, dass in der Realität oft umkommt, wer sich in Gefahr begibt. Das fehlende Happy End wäre bei einem anderen Regisseur als Joel Schumacher ein Problem; der Thrillerspezialist jedoch ("Nicht auflegen!") dreht die Geschichte um und inszeniert Veronica Guerins letzte Lebensjahre von 1994 bis 1996 als Rückblende, beginnend beim schockierenden Ende.
Von der Kirche - wir befinden uns schließlich in Irland - stürmt eine wuselige junge Frau zum Gericht, wo sie, ihren Gebeten sei Dank, doch nicht den Führerschein entzogen bekommt. Erleichtert plappernd telefoniert sie mit ihrer Familie, während sie mit ihrem Kleinwagen schon wieder wie ein Provinzmacho über die Landstraße hetzt. Schwarz vermummte Motorradfahrer setzen ihr nach, an der Ampel fallen Schüsse.
Schon in wenigen Minuten sind so die Charakterzüge Veronica Guerins skizziert, denen der Rest des Films nichts Neues hinzufügen will. Draufgängertum, Zielstrebigkeit, charmante Unbekümmertheit, Lebenslust, und die Familie als Stütze: so ausgerüstet, kann keiner dieser Frau mit Lady-Di-Frisur entrinnen, die ihren Gegnern unermüdlich auf die Nerven geht.
Mit der gleichen Verve, mit der sie ihr Auto steuert, rennt sie vom schmierigen Informanten zum brutalen Gangster zum ängstlichen Verleger zum zögerlichen Polizisten, um Tipps zu ergattern; nicht Schüsse noch Drohungen noch Schläge schrecken sie ab. Die größeren Details von Guerins Nachforschungen im Milieu, die zu etlichen Festnahmen und strengeren Gesetzen gegen Geldwäsche führten, scheinen so authentisch wie die unglamourösen Dubliner Schauplätze, aufgeteilt zwischen schmieriger Halbwelt, der neureichen Villa von Gangsterboss Gilligan und dem geschmackvoll-bürgerlichen Heim Veronicas - das jedoch keinen Schutz bietet.
Cate Blanchett gibt mal wieder die Paradeheldin
Zurückhaltung auch bei der Schilderung ihres Umfeldes: Kein klischeehaftes Klageweib fällt Veronica in den Rücken, sondern eine tapfere Mutter tröstet sie, als sie vom psychopathischen Gilligan zusammengeschlagen wird. Stoisch auch der leidgeprüfte Ehemann, unscheinbar der kleine Sohn, und facettenreich die Bösewichte: Besonders ihr Des-Informant John Traynor hat ein zwiespältiges, von Bewunderung und Hinterfotzigkeit geprägtes Verhältnis zur burschikosen Reporterin.
Cate Blanchett selbst mit ihren kühnen Wangenknochen und blitzenden Augen gibt wieder mal wieder eine von der Kamera geküsste Paradeheldin ab, die der echten Veronica Guerin sogar ähnlich sieht - und der leider jegliche Gebrochenheit fehlt. Und da es sich indes nicht um einen Dokumentar-, sondern den Spielfilm eines Hollywoodregisseurs handelt, der sein Publikum fest an die Hand nimmt, gibt's am Ende beim monumentalen Grabzug doch die erwartete Attacke auf die Tränendrüsen mit lauter irischer Musik samt Abgesang auf die Schurken, die fast alle - man vernimmt's mit großer Freude - im Gefängnis schmoren. Dank der hinreißend unbefangenen Blanchett steigt der Schmalzpegel jedoch nie zu hoch, so dass der Film bestimmt noch viele romantische Teenager zur Wahl des Reporterberufes animieren wird. Und doch fehlt etwas in dieser temperamentvollen Heldinnensaga: Was die unerschrockene Reporterin im tiefsten Inneren antrieb, kann das grobgeschnitzte Leinwanddenkmal nicht vermitteln. Ob der Ehemann tatsächlich so gottergeben dem gefährlichen Treiben seiner Frau zusah, möchte man auch gern wissen. Der Sargdeckel schließt sich, und viele Fragen bleiben offen.
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