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"Die Mutter" bricht Tabus

zuletzt aktualisiert: 06.10.2003 - 10:11

Eher müde als alt sieht diese über 60-Jährige aus, aufgerieben von der

Fürsorge für ihren gebrechlichen Mann in einer leidenschaftslosen Ehe. Mühsam macht sich das Ehepaar aus der Provinz auf die lange Reise nach London, um Kinder und Enkelkinder zu besuchen. Doch nach einem trübseligen Beginn nimmt das britische Melodram "Die Mutter" einen faszinierenden Verlauf.

Kaum angekommen, stirbt Vater Toots, und Mutter May, die nicht allein bleiben will, zieht vorerst zu ihrem wohlhabenden Sohn Bobby. Zaghaft unternimmt May Expeditionen in die quirlige urbane Umgebung im Stadtteil Notting Hill. Und da Bobby und seine Schwester Paula für die Witwe nicht viel Zeit und Verständnis haben, redet sie mit dem Freund ihres Sohnes, Schreiner Darren, der in Bobbys noblem Haus einen Wintergarten baut.

Der nette Darren hört ihr zu, geht mit ihr essen, und ins Bett. Und als sei's noch nicht schlimm genug, dass eine über 60-jährige Großmutter Sex mit einem jungen Mann hat, wird sie dabei auch noch zur Rivalin ihrer Tochter Paula. Dass eine alt gewordene "Mutter" sich einen jungen Liebhaber greift und ihre sexuellen Bedürfnisse einfach so erfüllt und sogar, ohne dass über die Entdeckung derselben irgendwie ein Aufhebens gemacht würde, ist der erste, spannende Tabubruch dieses Films.

Der zweite, tiefgründigere, ist das Zeigen von Entfremdung und unüberbrückbaren Antipathien zwischen den Generationen: Hier ist es Kindern erlaubt, ihre Mutter nicht zu mögen und vice versa. Die verdrängte Tristesse der familiären Vergangenheit bricht mit subtilen Gesten und Dialogfetzen immer wieder durch.

Gerade durch ihre distanzierte Inszenierung, in der Sentimentalität und moralisch hoch erhobene Zeigefinger null Chancen haben, zieht einen diese prekäre familiäre Gemengelage unwiderstehlich in ihren Bann. Dieser unterkühlte Realismus hat's in sich: Der ungewohnte Anblick von Sex zwischen einem alten weiblichen und einem jungen männlichen Körper schockiert - bei aller Dezenz - viel mehr als die meisten freizügigen Liebesszenen anderer Filme.

Eine Mutter auf neuen Wegen.  Foto: RPO
Eine Mutter auf neuen Wegen. Foto: RPO

Drehbuch von Hanif Kureishi

Dieses Familiendrama richtet sich an ein erwachsenes Publikum - und ist vor allem dann amüsant, wenn Menschen und Situationen allzu wiedererkennbar sind: Wie etwa Paula, allein erziehende Mutter und bohemienhafte Möchtegern-Schriftstellerin, die in bewährter Küchenpsychologie der Mama die Schuld an allen Misserfolgen gibt und den Luftikus Darren mit hysterischer Hartnäckigkeit vom Gelegenheitslover zum Partner dressieren will.

Der aalglatte Sohn Bobby dagegen entzieht sich seiner Familie und finanziert seiner zickigen Gattin dafür eine Luxusboutique. Seine Kinder, halslose kleine Monster, hängen so obsessiv am Game Boy wie Papa am Handy. Selbst der lockere Aussteiger Darren entpuppt sich als labiler Loser, der überdies, hin- und hergerissen zwischen töchterlicher und mütterlicher Begierde, an seinem neuen Status als Sexobjekt irre wird. Sympathisch ist keiner dieser Egoisten, doch nachdem man sie hassen gelernt hat, lernt man sie verstehen.

Regie führte Roger Michell, der Erfolgsfilme wie "Notting Hill" gedreht hat, doch das Drehbuch lag in den bewährten Händen des Schriftsteller Hanif Kureishi, der sich (wie in seinen früheren bitter-süßen Komödien "Samy und Rosie" und "Mein wunderbarer Waschsalon") wieder als gefinkelter Psychologe und genauer Beobachter seiner fragilen Mitmenschen erweist, die verbissen versuchen, im falschen Leben das richtige zu führen.

Das minimalistische Kammerspiel bringt seine Darsteller hervorragend zur Geltung: vor allem Hauptdarstellerin Anne Reid als zunächst teigig-depressives Wesen, das allmählich seine Verhocktheit abschüttelt und wieder zur Frau wird, hält trotz mancher Handlungslängen das Interesse wach. Und dabei kommt ihre Wandlung zur zwar nicht unbedingt lustigen, aber doch unternehmungslustigen Witwe ohne melodramatische Klischees daher. Die Entdeckung ihrer Affäre gehört sogar zu den komischsten Momenten. Wenn man beim Platzen der Bombe dann rätselt, wie dieser dramatische Knoten wohl aufgedröselt wird, fragt man sich nach dem coolen offenen Ende neugierig, wie es nun weitergehen könnte in dieser unheilen Familie. Nach dem Kinobesuch wird sie jedenfalls noch für Gespräche sorgen.


 
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