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Kino-Kritik: Die Wolke: Zarte Liebe, stark verseucht

zuletzt aktualisiert: 13.03.2006 - 09:16

1986 bekamen die Europäer Angst vor dem Wind, vor Sand und Gras und Gemüse. Denn im ukrainischen Tschernobyl war ein maroder Kernreaktor explodiert. Die Strahlen brachten den Schrecken und machten Platz für neue Phantasien: Was würde passieren, wenn ein Atom-Unfall vor der eigenen Tür stattfinden würde? Der Jugendroman "Die Wolke" zeigte es ohne Verniedlichung - und wurde jetzt verfilmt.  

Geschildert wird die Katastrophe aus der Perspektive der 16-jährigen Hannah. Es ist Sommer, der Badesee lockt, Schule und kleiner Bruder nerven. Doch noch mehr Nerven kostet der erste Flirt. Geruhsam entfaltet der Film ein ganz normales Teenagerdasein im Fachwerkstädtchen Schlitz bei Fulda. Als Hannah, endlich, vom Klassen-Primus Elmar geküsst wird, gehen die Sirenen los. Elmar merkt sofort, dass dies kein Probealarm ist. Die Liebenden werden bei der Evakuierung der Schule auseinander gerissen. Hannah wird von ihren Freunden im Auto mitgenommen. Erst unterwegs, per Radio, begreifen die zunächst unbeschwerten Kids, warum sie blau machen mussten.

Die zweigeteilte Handlung erzählt zunächst äußerst packend und authentisch, wie nach dem Störfall eines nahe gelegenen Atomreaktors innerhalb weniger Stunden Hannahs heile Welt in sich zusammenbricht. Das Szenario erinnert an Spielbergs "Krieg der Welten" abzüglich der Aliens: Hier ist es eine zartgraue radioaktive Wolke, die auf die Region zutreibt und nette Nachbarn während ihrer panischen Flucht in rücksichtslose Egoisten verwandelt. Dabei mutet der Film der Teenager-Zielgruppe ein gerüttelt Maß an Drama zu, wenn Hannahs allein erziehende Mutter gleich zu Beginn umkommt und ihr kleiner Bruder unterwegs tödlich verunglückt.

Liebe in Zeiten der Radioaktivität

Leider aber vertraut Regisseur Gregor Schnitzler zu wenig der Vorlage von Gudrun Pausewang, die ihren Roman im Jahre 1987 ganz unter dem Eindruck der Tschernobyl-Katastrophe verfasste. Statt sich im zweiten Handlungsabschnitt auf das traumatisierte Mädchen zu konzentrieren, das im Hamburger Lazarett mit Schock und Schuldgefühlen zurechtkommen muss, dem überdies büschelweise die rotblonde Haarmähne ausfällt, baut er Hannahs Liebesgeschichte mit Elmar aus. Wie so oft im deutschen Kino, so kommt auch diese Romanze holprig und verquast daher - wobei fast noch das brisante Thema vertrödelt wird.

Auffallend dezent nämlich scheinen im Hintergrund die politischen Folgen der Katastrophe auf. In kurzen Streiflichtern, Radiodurchsagen und Halbsätzen wird ein von Verordnungen regiertes Land ohne Zukunft und mit Dritte-Welt-Touch skizziert. Frisches Obst wird teuer wie Gold, Politiker stammeln hilflos, Läden sind verrammelt, man fuggert wie nach dem Krieg, und es ist die Rede von Aufständen mit vielen Toten. Doch es ist fraglich, ob ein an Action gewöhntes und politikabstinentes Teenagerpublikum solche subtil postapokalyptischen Anspielungen wahrnehmen wird.

Dass dennoch die Emotionen hoch gehen, liegt an der anrührenden Hauptdarstellerin Paula Kalenberg als Hannah, die sich während ihres Leidensweges vom blühenden Teenager zum kontaminierten, haarlosen Strahlenopfer neues Selbstbewusstsein erkämpft. Sprechend sind auch die idyllischen Landschaftsbilder mit Stacheldraht: verbotene Zonen, verlorene Heimat. Ist es bloßer Zufall, dass der Film in Hessen spielt, dessen Ministerpräsident sich wieder für Atomkraftwerke stark macht? Das Timing jedenfalls ist perfekt, und man darf gespannt sein, wie das aufwühlende Drama bei den Kindern der einstigen "Atomkraft, nein danke"-Generation ankommt.

Quelle: ap

 
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