Film-Kritik: Don't Come Knocking: Die Vergangenheit klopft
zuletzt aktualisiert: 22.08.2005 - 10:16Dass jemand aus einem Kriegsgebiet desertiert, hat man schon gehört. Aber von den Filmaufnahmen flüchten? In Wim Wenders neuem Kino-Streich "Don't come knocking" flüchtet die amerikanische Western-Hauptfigur stilgerecht zu Pferd - und zwar zu seiner Mutter. Und das ist erst der Beginn einer turbulenten Geschichte.
20 Jahre nach ihrem großen Erfolg mit "Paris, Texas" haben der deutsche Filmemacher Wim Wenders und der amerikanische Dramatiker Sam Shepard erneut zusammengefunden. Shepard hat nicht nur das Drehbuch geschrieben, sondern ist auch in der Hauptrolle eines gealterten Hollywoodstars zu sehen, der während der Dreharbeiten zu einem Western verschwindet und seiner Vergangenheit begegnet.
Die alte Mutter, die Filmstar Spence besucht, berichtet ihm von der Existenz eines unehelichen Sohnes. Der stammt aus der kurzen Affäre mit der Frau, die Spence nach vielen Jahren eines bewegten Lebens nun als die Liebe seines Lebens zu erkennen glaubt. Bald steht er vor dieser Doreen, die keineswegs auf den Mann gewartet hat, der ihr einst so folgenreich den Kopf verdrehte, als er in ihrem Städtchen zu Filmaufnahmen weilte.
Auch der gemeinsame Sohn Earl, ein flippiger Musiker mit hysterischer Freundin, ist alles andere als begeistert über das plötzliche Auftauchen seines Vaters. Für ihn ist der ein völlig Fremder. Und da ist auch noch ein zartes Mädchen namens Sky, die in einer Urne die Asche ihrer Mutter herumträgt, dazu ein wenig sympathischer Typ, der im Auftrag der Versicherung Spence aufspüren und zurück ans Filmset bringen soll. Tim Roth spielt diese Figur nicht ohne hintergründige britischer Ironie. Jessica Lange verkörpert mit reifer Schönheit und Energie, aber auch leiser Bitternis jene Doreen, die sich ihr Leben in kleinen Verhältnissen eingerichtet hat.
Wenders sentimental, Jarmusch lakonisch
Mit Eva Maria Saint, einst eine von Alfred Hitchcocks Lieblingsblondinen, gibt es ein Wiedersehen als Earls alte Mutter. Schon früher war Saint eine Darstellerin der nobleren Art, das ist sie auch im Alter geblieben. Mit Sarah Polley als Mädchen mit der Asche, Gabriel Mann und Fairuza Balk sind auch die weiteren Rollen gut besetzt. Sam Shepard, privat seit vielen Jahren der Lebenspartner von Lange, hat sich die Rolle auf den Leib geschrieben. Dem knapp 62-jährigen Autor und Schauspieler nimmt der Zuschauer den alternden Star mit den versteinerten Gesichtszügen ab.
Wenders bringt zusammen mit Kameramann Franz Lustig berauschend schöne Bilder von Landschaften und Menschen auf die Leinwand: "Wenn man im Amerikanischen Westen dreht, darf man vor Farben keine Angst haben. Der Himmel ist blau, die Felsen rot, die Neonschriften leuchten." Eben das ist zu sehen, und es macht Freude. Eine Schwäche des Films liegt in seiner Konstruiertheit. Wenders will gewiss kein romantisierendes USA-Bild transportieren, aber vom Mythos des gelobten Landes mit dem unendlichen Horizont will der deutsche Filmemacher, der zutiefst ein Künstler der alten Bundesrepublik bleibt, nicht so recht abrücken. Lebensträume opfert man eben nicht so gerne.
Das ist sympathisch, allerdings auch problematisch. Denn es bleibt letztlich trotz des Drehbuchs von Shepard und der amerikanischen Schauspieler ein Blick von außen, den Wenders da aufs weite Land richtet. Wie viel präziser dieser Blick sein kann, wird in Kürze Jim Jarmuschs Film "Broken Flowers" in den Kinos demonstrieren. Jarmusch und Wenders zeigen in sicherlich zufälliger Übereinstimmung jeweils Männer in der Krise auf der Suche nach unbekannten Söhnen. Wenders macht das sentimental mit opulenten Bildern, Jarmusch hingegen lakonisch und abgründig komisch. Es lohnt, beide Filme anzuschauen.
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