Neu im Kino: Eastwoods letztes Gefecht
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 05.03.2009 - 09:51In seinem neuen Film "Gran Torino" spielt Clint Eastwood einen
knurrigen Koreakriegsveteranen, der die neuen Einwanderer in seiner Nachbarschaft mit rassistischen Sprüchen beleidigt, dann aber doch deren Retter und Rächer wird. Eine Glanzrolle für Dirty Harry Eastwood.Niemand kann so grantig, so verbissen missmutig und geringschätzig in die Welt blicken und dabei doch so anziehend wirken wie Clint Eastwood. Er hat die Figur des knurrigen Alten, des schmallippigen Haudegens mit zynischer Weltsicht, rauen Manieren und tief, tief verborgenem sensiblen Kern perfektioniert. Schon als Trainer in "Million Dollar Baby" war er so eine spröde Vaterfigur, ein Könner vom alten Schlag, dessen Wohlwollen erst erobert werden wollte – und dann unermesslich war. Und er ist auch jetzt wieder so ein anziehender Abweisender, in "Gran Torino", dem Film, in dem er nach eigenem Bekunden zum letzten Mal als Darsteller zu erleben ist – mit 78 und der ganzen grandiosen Gelassenheit eines Schauspielers, der inzwischen mit jeder neuen Figur auf die eigene Rollengeschichte anspielt.
Clint Eastwood
1930 wurde Eastwood in San Francisco geboren. Nach unsteter Jugend ging er zur Armee und kam über einen Freund zum Film. Erste Erfolge hatte er mit Italo-Western, sein Durchbruch gelang ihm als Cop "Dirty Harry". Auch als Regisseur ist er erfolgreich und gewann zwei Oscars.So kann Clint Eastwood auf der Veranda hocken, unbeweglich in den Vorgarten starren, und in seiner Miene ist doch so viel zu sehen – all die wortkargen Westernhelden, die er schon gespielt hat oder jener zynische Einzelgänger Dirty Harry, mit dem Eastwood in den 70ern heftige Diskussionen über Recht, Ordnung und Selbstjustiz auslöste.
Der herbe Einzelgängerkult hat auch in "Gran Torino" eine befremdliche Note, denn Eastwoods Koreakriegsveteran Walt Kowalski ist Rassist. Er lebt in der sterbenden Autostadt Detroit. Perfekte Kulisse im Krisenjahr. Die Farbe an den Häusern blättert, die Vorgartenrasen bleiben ungemäht, die amerikanische Mittelschicht ist verschwunden. Stattdessen ziehen Einwandererfamilien in die Nachbarschaft. Für Walt sind diese Veränderungen Zumutungen, doch er erträgt sie ungerührt. Stoisch pflegt er den eigenen Besitz und macht der asiatischen Hmong-Großfamilie nebenan mit harschen Sprüchen und der Flinte im Anschlag klar, dass er auf gute Nachbarschaft pfeift.
Erst recht, als Tao, der schüchterne Sohn der Nachbarn, sich ausgerechnet an dem vergreift, was in Walts einsamem Leben zum Mittelpunkt seiner Fürsorge geworden ist: sein Ford Gran Torino, Baujahr 72. Walt ertappt den dilletantischen Autodieb von nebenan zwar auf frischer Tat, doch damit ist die Geschichte nicht zu Ende. Denn Taos Familie besteht darauf, dass der Junge bei Walt eine Strafe abarbeitet. So entwickelt sich ruppig, widerstrebend, mit viel zynischer Komik ein Vater-Sohn-Verhältnis zwischen dem missmutigen Veteran und dem unbedarften Einwandererjungen. Und als Tao von einer Hmong-Gang bedrängt wird, in ihr schäbiges Ganovenleben einzusteigen, rutscht Walt in die Beschützer- und Rächerrolle der Familie.
Das Gute an "Gran Torino" ist, dass Walt sich trotzdem nicht in den netten Onkel von nebenan verwandelt. Seine Sprache bleibt rau, politisch unkorrekt, nur sein Handeln zeigt Tao und dessen Familie, dass sie dem Alten mehr und mehr bedeuten. Allerdings verharmlost der Film echten Fremdenhass, indem er Walt doch nur als Verbal-Rassisten zeigt. Wenn man ihn etwa mit seinem irischen Friseur erlebt, mit dem er eine Art Beschimpfungsritual pflegt, den wöchentlichen Schlagabtausch unter Männern, dann erscheint Walts Rassismus nur mehr als sprachliche Pose, als schlagfertiges Macho-Gehabe. So kann sich der Zuschauer ungehindert hineinfühlen in diesen alten Grantler.
Doch eigentlich geht es Eastwood, der auch Regie führt, in diesem Film auch gar nicht um Rassismus. Eigentlich will er das alte und das neue Amerika zeigen – und aufeinander hetzen zum Showdown. Im alten Eastwood-Amerika versuchten Neuankömmlinge noch, möglichst schnell in die Mittelschicht aufzusteigen, zogen wie Walt für die USA in den Krieg und pflegten danach ihre Gärten. Die neuen Einwanderer dagegen verleben die Errungenschaften der alten, können nicht mal mit einer Säge umgehen, fahren lieber im Viertel herum und drangsalieren Unterlegene.
Das alte Amerika ist in "Gran Torino", genau wie der titelgebende Ford, ein ausgelaufenes Modell. Doch Eastwood schenkt diesem konservativ-bürgerlichen Amerika, das er schon als Dirty Harry zu verteidigen versuchte, noch einmal einen Triumph, es holt aus zum heroischen Schlag gegen die moralisch Verderbten. Doch es ist der Triumph eines fast 80-Jährigen, der mit seiner Heldentat auch alte Schuld aus dem Krieg büßt. Kein Befreiungsschlag also, nur ein letztes Aufbäumen, Dirty Harry dankt ab und überlässt uns unserem Schicksal.- RP ONLINE
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