Ein berauschendes Seherlebnis: Ed Harris in "Pollock"
zuletzt aktualisiert: 10.06.2002 - 11:44Frankfurt/Main (rpo). Ed Harris, zuletzt in "A Beautiful Mind" zu sehen, ist ein mehrfach oscar-nominierter Schauspieler mit Geheimtipp-Status. Mit "Pollock" legt er ein souveränes und konzentriertes Regiedebüt und einen außergewöhnlich schönen Film vor.
Wer ein Maler sein will, der braucht neben einem Pinsel eine Flasche und willige Frauen, der säuft und hurt und benimmt sich in Gesellschaft unmöglich. So will es das Klischee spätestens seit dem Ohrabschneider van Gogh, und dabei macht auch die Filmbiografie "Pollock", die am 6. Juni anläuft, keine Ausnahme. Gleich zu Beginn liegt Jackson Pollock, der 1949 vom "Life Magazine" als der bedeutendste amerikanische Maler seiner Zeit bezeichnet wird, besoffen auf der Treppe in einem heruntergekommenen Mietshaus in Greenwich Village, sein Bruder stützt ihn.
Und solange jemand da war, der den manisch-depressiven, alkoholsüchtigen Maler stützte, konnte dieser sich entfalten. In dem Moment, in dem die junge Malerin Lee Krasner ihren Kopf neugierig in Pollocks Atelier streckt, beginnt Pollocks Karriere im New Yorker Kunstbetrieb.
Lee Krasner, die ihre eigene Arbeit zurückstellt, übernimmt das Kommando: Sie heiratet Pollock, zieht mit ihm in ein heruntergekommenes Bauernhaus in den East Hamptons auf Long Island, das sie liebevoll renoviert. Sie vergrault seine Trinkkumpane und knüpft unermüdlich Kontakte zu Kritikern und Galeristen.
Doch der einsetzende Ruhm bekommt dem psychisch labilen Genie nicht. Er beginnt wieder zu trinken, hat junge Geliebte, Krasner zieht sich von ihm zurück. Von 1941 bis zu Pollocks Tod im Jahre 1956 reicht diese Filmbiografie, und ungefähr genauso lange hat sich der Schauspieler Ed Harris mit dem Pollock-Stoff beschäftigt, sich dem Maler, dem er ähnlich sieht, auch innerlich anverwandelt.
Hypnotische Wirkung
Zwar ist Pollock ein unglücklicher, von inneren Dämonen gequälter Mensch, doch Harris geht es vor allem darum, Pollocks von alltäglichen Kümmernissen befreiten Schaffensprozess einzufangen. Dafür hat Harris Malen gelernt, und die langen Einstellungen, in denen der somnambule Pollock den Pinsel über die Leinwand schwingt, der Augenblick, in dem er seine bahnbrechende "Drip"-Technik entwickelt, bei ein mit Farbe übergossener Pinsel eine organische Tropfenspur auf der Leinwand hinterlässt, haben hypnotische Wirkung.
Nicht "er" malt, sondern "es" malt. Und die Faszination dieses Tuns vermittelt sich, besser als in jedem anderen Maler-Film, auch dem wenig kunstinteressierten Zuschauer. Dabei kommen die Hintergründe jener Epoche absichtlich zu kurz.
Die Beziehungen zu seinen berühmten Rivalen wie Willem DeKooning, zur divenhaften Galeristin Peggy Guggenheim und dem Kritiker Clement Greenberg, der Pollock ebenso "machte" wie umgekehrt, muss man entweder vorab wissen oder selbst erahnen.
Aber Harris und seinem hervorragenden Darstellerensemble gelingt es, durch beiläufige Details Pollocks Weggenossen genauer zu charakterisieren als durch langatmige Erklärungen oder gar sentimentale Ausrufezeichen.
Marcia Gay Harden erhielt für ihre Darstellung der ebenso sympathischen wie dominanten Lee Krasner verdientermaßen den Oscar. Auch ihre symbiotische Beziehung zu Pollock wird vorwiegend durch das Nichtgesagte spannend. Überhaupt ist "Pollock" ein Film über die Kunst der Auslassung, in dem Worte - besonders Interpretationen von Gemälden - wie Ballast erscheinen und den wortkargen Pollock sichtlich nerven.
Der Dichter und Maler Robert Gernhardt postulierte einmal ein bedenkenswertes "11. Gebot": "Du sollst nicht lärmen", - und genau daran erinnert der Stil dieses Films, ein trotz aller menschlichen Tragik berauschendes und zugleich entspannendes Seherlebnis.
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