| 18.09 Uhr
"Nemesis" mit Susanne Lothar und Ulrich Mühe
Ein beklemmendes Vermächtnis
Szenenbilder "Nemesis" mit Ulrich Mühe und Susanne Lothar
Szenenbilder "Nemesis" mit Ulrich Mühe und Susanne Lothar FOTO: dapd, Limagofilm
Düsseldorf. In "Nemesis" spielen Susanne Lothar und Ulrich Mühe ein Ehepaar, das sich gegenseitig psychisch quält. Von Dorothee Krings

Sie waren Schauspieler, die Figuren still, präzise, unerbittlich zerbrechen lassen konnten. Zwei Darsteller, die sich nicht schonten bei der Arbeit, sondern tief hineinfallen ließen in die Abgründe ihrer Charaktere. Bis es weh tat, ihnen und uns.

Da war wenig Abgegriffenes, wenig Vorhersehbares in ihrem Spiel, darum wirkte es so beklemmend. Darum waren Susanne Lothar und Ulrich Mühe eine Schauspielerklasse für sich.

Weil sie Leidenschaftliche waren, haben sie auch in kleinen Filmen gespielt – ohne Gagen. So haben sie Filmemacher unterstützt, die gute Drehbücher schreiben, aber das Geld für die Produktion kaum zusammenbekommen. So ein Film ist "Nemesis" von Nicole Mosleh.

Lange ums Budget gekämpft

Die Regisseurin schreibt zwar seit knapp 20 Jahren Drehbücher, doch für dieses Ehedrama hat sie lange ums Budget kämpfen müssen. Am Ende haben Lothar und Mühe wohl zugesagt, weil die Figuren sie gereizt haben – jede für sich und als Paar, das sich gegenseitig quält, zermürbt, zugrunde richtet. Der Film beobachtet den Zersetzungsprozess einer Ehe. Er ist ein biestiges Kammerspiel. Ein Psychotrip. Und nun auch ein Vermächtnis.

Mosleh hat den Film nach jahrelangen Vorarbeiten 2006 gedreht. Damals wusste Ulrich Mühe noch nichts von seiner Krebserkrankung, lebte noch mit Susanne Lothar und den beiden Kindern in Berlin. Als Mühe 2007 an Krebs starb, wollte Susanne Lothar zunächst nicht, dass diese quälend-intensive Ehestudie posthum ins Kino kam.

Vielleicht hatte sie Angst, die Zuschauer könnten nicht trennen zwischen den Filmfiguren und dem realen Leben. In dem hatte sie doch in ihrem Mann gerade keinen Gegner gehabt, sondern den Halt ihres Lebens. Nun sollte sie lernen, ohne ihn zurechtzukommen, da schien ihr diese Krisenstudie wohl schwer erträglich. Wie am Ende auch das Leben ohne ihn.

Gallegrün von Anfang an

Vielleicht war Susanne Lothar der Film auch nicht reif genug. "Nemesis" ist kein Meisterwerk, kein Drama, das in genau kalkulierten Etappen in die Hölle einfährt. Er stimmt die Krise gleich als Katastrophe an, zeigt, wie ein Mann sich seiner Frau überlegen wähnt, wie eine Frau sich in Eifersucht steigert und wie beides die Beziehung vergiftet.

Doch dieses Gift sickert nicht langsam in die Geschichte, sie ist gallegrün von Anfang an. So stimmt der Spannungsbogen nicht, und die Geschichte schlägt ein wenig holprig um in ihre bittere Pointe.

"Nemesis" ist also kein Vermächtnis im klassischen Sinne. Der Film ist keine letzte Blüte, steht nicht stellvertretend für das Schaffen der beiden Schauspieler. Trotzdem ist es gut, dass "Nemesis" jetzt in die Kinos kommt, auch wenn es makaber erscheint, dass er nach dem Tod Susanne Lothars im Juli diesen Jahres nun gleich zwei verstorbene Hauptdarsteller zeigt.

Das ist Schauspielkunst

Man überwindet das seltsame Gefühl beim Zuschauen schnell, denn die beiden waren nun mal Darsteller, die sogleich in ihre Figuren führen, keine Ablenkung dulden. Und dieses Kammerspiel schenkte ihnen Rollen, in denen sie ihre Stärken, gerade auch als ebenbürtiges Paar, vor der Kamera ausspielen konnten.

Da sitzt Susanne Lothar etwa im Kreis der Freunde am Küchentisch, kippt Rotwein, trotzig, aufreizend. Sie will verkünden, was ihr Mann lieber verschweigt, dass sie ihr gemütliches Haus in Italien zwar verkaufen wollen, um einen Neubeginn zu wagen – aber getrennt.

Wie Ulrich Mühe die Provokation seiner Frau einsteckt, wie er versucht, großzügig zu lächeln und sie genau dadurch weiter kränkt, das ist Schauspielkunst. Und Susanne Lothar lässt ihre Figur immer wieder in den richtigen Momenten entgleisen. Wenn sie aufspringt, im Zorn irgendeine Schale zerschmettert, dann ist das bei ihr keine abgegriffene Geste, sondern die einzig schlüssige in diesem Moment.

Etwas Anziehendes in ihrer Raserei

Auch schaffen es die beiden immer wieder, sich Nähe zu erspielen. Gerade das macht den Film schmerzlich. Denn er zeigt, wie Eheleute einander gerade darum so tief verletzen können, weil sie sich so genau kennen.

Selbst wenn Susanne Lothar zur Nemesis, zur Rachegöttin wird, selbst wenn sie sich in hysterische Anfälle steigert, ist da etwas Anziehendes in ihrer Raserei. Es scheint dann etwas aus der Vergangenheit des Paares auf, etwas, das zerbrochen ist und so sehr schmerzt, dass die beiden gegeneinander wüten müssen.

Es ist ein beklemmender Nachlass, der da nun am Donnerstag in ausgewählte Kinos kommt. Man sollte Lothar und Mühe nicht als die Figuren dieses Dramas in Erinnerung behalten, sicher aber ihre schauspielerische Leistung. Wer das intensive Spiel der beiden miteinander erlebt, versteht, welchen Verlust Susanne Lothar nicht verkraften konnte.

Quelle: RP/csr/sap/rm
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