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  Foto: Warner Bros.
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Kinokritik zu "Inception": Ein Dieb, der Träume stiehlt

VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 28.07.2010 - 20:45

(RP). Leonardo DiCaprio spielt in "Inception" einen Wirtschaftsspion neuen Typs: Er stiehlt Informationen aus dem Unterbewusstsein der Bosse. Regisseur Christopher Nolan gelingt ein cleverer Experimental-Thriller, der am Ende indes an Fahrt verliert. In den USA bricht das Werk Kassenrekorde.

Ein aufregender Film ist das, der begeisterndste Großfilm dieses Sommers, größenwahnsinnig und selbstbewusst, aber doch: misslungen. Christopher Nolan drehte "Inception", und dieser 39-jährige Londoner ist das begabte Kind von Hollywood. Sie haben ihm ein eigenes Studio gegeben, und sie stellen ihm die dicken Schecks aus. 180 Millionen Dollar kostete "Inception", und niemand zweifelt daran, dass die Geschichte über einen melancholischen Bewusstseins-Piraten das Geld wieder reinholt.

Denn eine Produktion von Nolan steht bereits auf der Liste der erfolgreichsten Filme an dritter Stelle, es ist die "Batman"-Episode "The Dark Knight" mit Heath Ledger, ein unglaublich düsteres Werk, dessen Held als das Ur-Böse schlechthin bezeichnet wurde. Nun der Nachfolger: Seit zwei Wochen läuft "Inception" in den USA, er spielte 43,5 Millionen Dollar ein – für Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio das zweitbeste Ergebnis seit "Titanic".

DiCaprio spielt Dom Cobb, einen Wirtschaftsspion neuen Typs. Cobb klinkt sich in die Träume der Bosse und stiehlt deren Gedanken, Ideen, Pläne. Die verkauft er an Konkurrenten des Opfers, und weil es von seiner Sorte nicht viele gibt, laufen die Geschäfte gut. Cobb ist indes kein glücklicher Mensch, und deshalb gibt DiCaprio ihm dieses verkniffene Gesicht, das man noch aus Martin Scorseses "Shutter Island" kennt. Cobb nahm einst seine Frau in die Wirrnis der Traum-Geografie mit, sie mochte nicht mehr auftauchen und nahm sich das Leben. Deshalb wird Cobb nun als Verantwortlicher gesucht und darf nicht zurück nach Amerika.

Rettung naht in der Person eines Geschäftsmannes, der Cobb freie Einreise in die Heimat zu den beiden Kindern verspricht. Die Bedingung: Der Getriebene möge eine "Inception" durchführen, also einen Gedanken in den Kopf eines Menschen einpflanzen, genauer: in den eines potenten Erben. Der Erbe eines Wirtschaftsimperiums soll denken: "Ich zerschlage den Konzern, ich verkaufe" – und zwar an Cobbs asiatischen Kunden. Der Haken: Man muss dafür in die dritte Ebene des Bewusstseins vordringen, in zerebrales Neuland, was kaum zu schaffen ist. Aber der Traumknacker willigt ein.

Während Cobb den Coup plant, erlebt man einen Film, der zum Besten gehört, was zeitgenössisches Kino zu bieten hat. Ein Novum zwischen Experiment, Film noir und Konzeptkunst. Nolan führt die Traum-Architektin mit dem sprechenden Namen Ariadne (Ellen Page, die Schwangere aus "Juno") ein, und sie faltet Paris zum Schuhkarton. Sie teilt Straßenzüge mittels Spiegelwänden, hebt die Erdanziehungskraft auf, baut Labyrinthe und Treppen ins Nichts und verbeugt sich vor den Künstler-Kollegen M. C. Escher und Giovanni Battista Piranesi. Faszinierende Ansichten gleiten über die Leinwand. Aus diesen perspektivisch verrätselten Landschaften taucht Marion Cotillard als Cobbs verstorbene Ehefrau auf, und sie ist das Beste in dieser Story, sie ist eine Loreley des Unterbewusstseins, eine erratische Schönheit, die den Gatten locken möchte in die verwehte Zeit, eine Königin wider die Logik.

Nur leider überdreht Nolan seine Idee. Der Film zerfällt in zwei Teile. In der anderen Hälfte verliert die Geschichte das Unerhörte und wird beliebig. Das liegt nicht etwa daran, dass dem Zuschauer nicht erklärt wird, wie die Maschinen mit den vielen Kabeln funktionieren, mit denen Cobb und sein Team sich in die Köpfe der Opfer einschleusen. Es liegt auch nicht an den drei verschachtelten Traumebenen, die die Meisterdiebe durchstoßen. Die Zeit vergeht dort in jeweils anderer Geschwindigkeit, das ist im Gegenteil sogar spannend zu erleben, eine Minute in der Wirklichkeit benötigt in den Tiefen des Geistes zehn Minuten zum Vergehen. Man spürt beim Schauen dieses Films sein Gehirn. Umso größer der Ärger, als es nicht mehr gebraucht wird.

Nolan ist der Intellektuelle unter den Autorenfilmern für die Massen. Während "Avatar"-Regisseur James Cameron den Schamanen gibt, dem es um eine grüne Botschaft zum Wohl der Erde geht, gilt Nolan als kühler Kopf, als Strukturalist der Großleinwand. Er möchte an die Grenzen der Wahrnehmung führen und staunen machen. In seinem ersten großen Film "Memento" drehte er die Chronologie und erzählte rückwärts die Erlebnisse eines Mannes auf der Suche nach dem Mörder seiner Frau. In "The Dark Knight" verfilmte er die Kulturgeschichte des Bösen. Und in "Inception" will er unbedingt das Genre Action-Film neu erfinden.

So zitiert er "James Bond" und "2001 – Odyssee im Weltraum", lässt Menschen im Traum herumballern und Bomben legen und einander mit Schneepflügen auf weißen Bergen hinterherjagen. Dass das in Bereichen jenseits der Realität spielt, macht er kaum deutlich. Aus dem "Rififi" für Traumdeuter wird ein dumpfer Krimi.

Nolan gibt die Zügel, die er zu Beginn seiner neuen Arbeit straff führte, aus der Hand. Man weiß am Ende nicht mehr, ob man sich im selben Film befindet wie zweieinhalb Stunden zuvor. Die Ästhetik der Träume weicht der Konfektionsware: Festungen werden durch Sprengung eingenommen, Verfolgungsrennen mit beherzten Sprüngen beendet, Tresore im letztmöglichen Augenblick geknackt.

Vielleicht sind Träume gar nicht so bemerkenswert, denkt man beim Abspann. Und fühlt sich um einen perfekten Film betrogen.

Quelle: RP

 
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