István Szabó verfilmte den "Fall Furtwängler": Ein Dirigent unter Rechtfertigungszwang
zuletzt aktualisiert: 04.03.2002 - 10:28Frankfurt/Main (rpo). Niemand wird sich weigern, Wilhelm Furtwängler als einen der ganz großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts zu bezeichnen. Anders als viele Kapellmeister verließer das Hitler-Reich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 nicht - und musste das in peinigenden Verhören büßen.
Denn die alliierten Besatzungsmächte unterzogen auch einen so berühmten Künstler wie Furtwängler der Überprüfung, in welchem Maß er mitschuldig an dem verbrecherischen Regime geworden war. Aber war einem wirklich etwas vorzuwerfen, der auch dann dirigiert hatte, wenn der "Führer" und seine Komplizen bei Beethovens 9. Symphonie oder der Ouvertüre zu den "Meistersingern" im Saal saßen?. Das ist die Frage, mit der sich István Szabós Film "Taking Sides - Der Fall Furtwängler" auseinander setzt - ab dem 7. März in den Kinos.
Der ungarische Regisseur gilt seit seinem großartigen Streifen "Mephisto", der 1981 mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, als Spezialist für die differenzierte Darstellung doppelbödiger Charaktere, die in politische Verwicklungen geraten. Zwar hat Furtwängler nicht die faszinierende Dämonie eines Gustaf Gründgens, der in "Mephisto" porträtiert wurde. Doch beiden gemeinsam ist elitäres, genialisches Künstlertum, das glaubte, sich der damals Mächtigen bedienen zu können und doch vielmehr diesen diente. Erst in den Verhören des US-Majors Steve Arnold wird dem Dirigenten die Problematik seines Verhaltens bewusst.
Szabó hat nach dem erfolgreichen Bühnenstück des Briten Ronald Harwood einen kammerspielartigen Film gemacht, in dessen Mittelpunkt das ungleiche Duell zweier ungleicher Männer steht: Der hemdsärmelige Amerikaner Arnold, der sein weltbekanntes Gegenüber einfach als "Bandleader" tituliert, und der deutsche Schöngeist, der sichtlich angewidert ist von der ungebildeten Art seines aufgezwungenen Gesprächspartners. Dieser von Harvey Keitel glänzend dargestellte Major kommt nicht nur aus dem Land der Sieger, er ist auch Teil einer Gesellschaft, in der Mickey Mouse mehr zählt als Beethoven.
Doch nicht das Volk von Walt Disney und Hollywood, sondern dasjenige der "Dichter und Denker" war es, das die Welt mit Auschwitz schockte. Der einfach gestrickte Arnold hat sich einen Sinn für die Ungeheuerlichkeit dieses Verbrechens bewahrt, der viel komplizierter empfindende Dirigent muss dessen Dimension erst noch begreifen. Der schwedische Furtwängler-Darsteller Stellan Skarsgard zeigt subtil, wie allmählich diesen recht selbstherrlichen Kulturträger ein Gefühl der Mitschuld trotz aller demonstrierten Distanz zu den Nazis erfasst. Es sind diese Nuancen, die den Film sehenswert machen.
Die Nebenfiguren sind Beiwerk, die eher verzichtbar erscheinen. Daran ändern auch die guten schauspielerischen Einlagen von Moritz Bleibtreu als jüdischer US-Soldat und Ulrich Tukur als dubioser Geiger nicht viel. Es ist Szabó hoch anzurechnen, einen Film gemacht zu haben, um den sich deutsche Regisseure eigentlich hätten reißen müssen. Aber die können offenbar noch immer nichts mit einem Mann wie Furtwängler anfangen, von dem Carl Zuckmayer 1943 im Exil schrieb: "Er war immer ein national empfindender Deutscher, und er mag auf dem Standpunkt stehen, lieber mit einem schuldig gewordenen Deutschland zu Grunde zu gehen als auf der Seite derer, die es sich zu Feinden gemacht hat, zu triumphieren."
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