Kino-Kritik: Ein Kind ist verschwunden
VON ALBERT BAER - zuletzt aktualisiert: 29.11.2007Düsseldorf (RP). „Gone Baby Gone“ ist das erstaunliche Regiedebüt des Hollywood-Schauspielers Ben Affleck. Ein Roman des Bestsellerautors Dennis Lehane bildet die Grundlage dieses Films über die Suche nach einem Kind.
Düsseldorf Bislang konnte man wenig Gutes über Ben Affleck sagen. Sieben Mal wurde er bereits für die Goldene Himbeere als schlechtester Schauspieler nominiert, während seine Affären (unter anderem mit Jennifer Lopez) mehr Schlagzeilen machten als seine Filme. Dass er 1998 gemeinsam mit Matt Damon den Oscar für das Drehbuch zu „Good Will Hunting“ gewann, war irgendwie schon längst in Vergessenheit geraten. Und nun das. „Gone Baby Gone“ ist das erstaunliche Regiedebüt des Ben Affleck, und es markiert die Ankunft eines großen Talentes hinter der Kamera.
Die vierjährige Tochter einer drogensüchtigen Frau ist verschwunden in einem heruntergekommenen Arbeiterviertel von Boston, das die meisten Menschen der Stadt selbst bei Tage meiden. Es gibt keinerlei Hinweise, keine Lösegeldforderung. Weil der Polizeichef (Morgan Freeman) und seine Cops im Dunkeln tappen, wenden sich die Verwandten des Mädchens an die Privatdetektive Patrick (Casey Affleck; jüngerer Bruder von Ben Affleck) und Angie (Michelle Monaghan). Dem in der Nachbarschaft aufgewachsenen Paar, das sich bislang mit Bagatellaufträgen durchs Leben schlug, traut man eher zu, die misstrauischen Bewohner der Gegend zum Reden zu bringen und etwas herauszufinden.
Während die beiden die Straßenecken und Spelunken abklappern, um etwas über den Verbleib der Vermissten zu erfahren, tauschen sie auch Informationen mit zwei Polizisten (Ed Harris, John Ashton) aus, die einer Sondereinheit für vermisste Kinder angehören. Alle Spuren scheinen zu einem lokalen Drogenboss zu führen, doch der Fall ist viel komplexer als zu Beginn vermutet. „Gone Baby Gone“ basiert auf dem gleichnamigen Roman (deutscher Titel: „Kein Kinderspiel“) des vielfach preisgekrönten Bestsellerautors Dennis Lehane. Es ist beeindruckend, wie kongenial Affleck, der auch das Drehbuch verfasste, die facettenreiche Vorlage in einen faszinierenden Film verwandelt hat. Er nimmt sich viel Zeit, bis er die wahre Geschichte hinter dem Verschwinden des Kindes am Ende preisgibt.
Rätsel, Täuschungen und falsche Fährten werden in dieser Grauzone zwischen Gut und Böse gestreut, und vor allem Patrick, glänzend gespielt von Casey Affleck, verliert in dem Morast aus Drogensucht, Korruption und Kindesmissbrauch zusehends den Boden unter den Füßen. Ähnlich wie Clint Eastwoods hochgelobter, ebenfalls nach einem Lehane-Buch entstandener „Mystic River“ handelt aber auch „Gone Baby Gone“ nicht nur von dem verzwickten Kriminalfall, sondern versucht vor allem, moralische Fragen zu stellen. Danach, wie Entscheidungen, aus welchen Gründen auch immer sie getroffen werden, das Leben von Menschen beeinflussen und was es heißt, mit den Konsequenzen dieser Entscheidungen zu leben.
Ohne Effekthascherei, mit Blick für das Milieu und ganz nah an den Figuren hat Affleck diesen bitteren Weg zur Wahrheit, diese verstörende Reise in seelische und soziale Abgründe inszeniert. Bis hin zum überraschenden Schluss, der den Detektiv und auch den Zuschauer in ein Dilemma stürzt. Eine reife Regie-Leistung.
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