Kino-Kritik: Ein moderner Tom Sawyer
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 21.08.2008 - 09:50Düsseldorf (RP). Dieser Film erzählt davon, wie schön es ist, etwas zum ersten Mal zu tun und zu erleben. Seine Hauptfiguren sind zwei Jungs, die die Freundschaft entdecken und das Kino, die sich in der Gegenwart einrichten, das Anderssein feiern und die Welt verändern. Und wer nun denkt, all das kann man nicht auf die Leinwand bringen, ohne pathetisch oder kitschig zu werden, der mag meist Recht haben – hier nicht. Denn „Der Sohn von Rambow“ ist einer der wunderbarsten Filme des Jahres, er ist verblüffend und lustig; man möchte ihn Schulen als Pflichtprogramm vorschlagen.
Der Regisseur Garth Jennings hat sich in den 1990er Jahren einen Namen gemacht mit Werbefilmen und Musikvideos. Wer sich an den Clip zum Song „Coffee & TV“ der Band Blur erinnert, bekommt eine Ahnung von der charmanten Versponnenheit von Jennings’ zweitem abendfüllenden Werk nach der Verfilmung des Kultromans „Per Anhalter durch die Galaxis“. Für Blur ließ er damals eine Milchtüte aus dem Küchentisch-Alltag ausbrechen, in die Stadt fliehen und mit einer Packung Erdbeer-Milch in den Tetrapak-Himmel aufsteigen. Ähnlich zauberhaft ist seine in warme Farben getauchte Bilderwelt noch heute.
In „Der Sohn von Rambow“ begegnet man dem elfjährigen Will (Bill Milner). Er wächst in einer strengen Glaubensgemeinschaft auf, Fernsehen und Musik sind tabu. Diese Regeln zu befolgen ist schwer, vor allem, weil es 1983 ist und die Mitschüler sich vorrangig über all das unterhalten, was Will nicht kennen darf. Sogar den Lehrfilm im Unterricht muss er auf dem Flur vor dem Klassenraum überbrücken. Dort trifft er Lee Carter (Will Poulter), den Rowdy aus dem Kurs nebenan, der ist hinausgeworfen worden – mal wieder. Die beiden freunden sich an, und Lee Carter spielt Will die Raubkopie von „Rambo I“ vor, die er für seinen verzogenen Bruder im örtlichen Kino gemacht hat. Rambo, der von Sylvester Stallone dargestellte Kämpfer, verändert das Leben der Jungs.
Jennings‘ Film bewegt sich in der Tradition der großen angloamerikanischen Jugenderzählungen, der Tom Sawyers und Huckleberry Finns. Ihm gelingt mühelos die Übersetzung des anarchischen Schwungs und der vorgeblichen Arglosigkeit dieser Geschichten in die Gegenwart. Will und Lee, beide ohne Vater aufgewachsen, drehen mit einer unhandlichen VHS-Kamera eine eigene Version von Rambo: Der Held wird gefangen gehalten, aber sein Sohn befreit ihn, was den Vater natürlich stolz macht.
Szenen, in denen die Fantasie allzu sehr blüht, gestaltet der Regisseur als Zeichentrick. Das ist eine schöne Idee, die dem Ganzen Leichtigkeit gibt, man kennt das Verfahren etwa aus Michel Gondrys „Science of Sleep“ – und auch dieser Regisseur begann ja mit Video- Clips für Bands wie die White Stripes.
Die jugendliche Provinz nimmt Anteil an den Dreharbeiten, das Idol der Halbwüchsigen, der rotbestiefelte Austauschschüler Didier (Jules Sitruk), bittet um eine Rolle mit möglichst vielen Action-Szenen, und durch ihn erhalten Will und Lee Einlass in die heiligen Hallen ihrer Schule: die Aufenthaltsräume der Oberstufe. Wer in den 80er Jahren aufgewachsen ist, wird die dort spielenden Passagen lieben. Da läuft Musik von Duran Duran und Depeche Mode, da wird getanzt und sich frisiert, Kaugummiblasen platzen, Zigaretten brennen, und es gibt noch eine Menge weiterer Klischees, aber nicht doof übertrieben, sondern liebenswert.
„Der Sohn von Rambow“ (Das W wurde aus rechtlichen Gründen angehängt) umschifft mit feiner Heiterkeit die Gefahr des moralschweren Happy Ends. Am Ende bekommt man den kleinen Film des jungen Regisseurs-Duos tatsächlich zu sehen – er ist ein Kunstwerk für sich.
Jennings gelingt es, aus der Sicht von Kindern zu erzählen und damit Erwachsene zu beglücken. Und vielleicht ist das sogar die größte Leistung des Regisseurs: Dass man sich beim Verlassen des Saals ein bisschen fühlt wie nach dem ersten Film, nach „Zurück in die Zukunft“ vielleicht oder „Stand by me“, auch wenn er 20, 30 Jahre zurückliegt. Und dass man irgendwas machen möchte, auf die Beine stellen will, auf eigene Faust hinkriegen, zum ersten Mal, wie früher.
„Der Sohn von Rambow“ ist ein erhebender Film.
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