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Literaturverfilmung "Anna Karenina"
Eine strahlende Keira Knightley
Szenenbilder "Anna Karenina"
Szenenbilder "Anna Karenina" FOTO: ©Focus Features/Universal
Düsseldorf. Der englische Regisseur Joe Wright gilt als behutsamer Erneuerer des Kostümfilms. Nun präsentiert er seine Kinoadaption von "Anna Karenina" als opulente Theaterrevue– mit einer strahlenden Keira Knightley im Mittelpunkt. Von Marion Meyer

"Die Tribute des Panem", "Die Vermessung der Welt" oder "Cloud Atlas" – was wäre die Filmindustrie ohne die berühmten Buchvorlagen? Jedes Jahr kommen dutzende Literaturverfilmungen ins Kino, nun also folgt "Anna Karenina" nach Leo Tolstois monumentalem Roman von 1877.

Mehr als zehn Verfilmungen dieses Stoffs einer Dreiecksgeschichte, die für die Titelfigur tödlich endet, gab es schon. Regisseur Joe Wright inszeniert das Drama auf einer Bühne, setzt auf die Künstlichkeit als Spiegel der Gesellschaft und verschränkt Illusion und Desillusion zu einem berauschenden Bilderreigen.

Im besten Fall liefert jede Literaturverfilmung eine eigene Sicht auf einen Stoff, verdichtet den Plot, verwandelt Innenansichten von Figuren in Bilder. Jede Adaption für die Leinwand stellt somit eine eigenständige Erzählform dar.

Bei jedem sieht das Kopfkino anders aus

Dabei liegen die Argumente für eine Literaturverfilmung auf der Hand: Man spart sich eine teure Stoffentwicklung und setzt auf ein bewährtes Thema. In manchen Fällen übernimmt der Autor gleich die Aufgabe, seinen Roman in ein Drehbuch zu verwandeln.

Dabei ist jede Literaturverfilmung eine Gratwanderung: Die Filmemacher wollen am liebsten möglichst viele Leser ins Kino locken und sie gleichzeitig nicht enttäuschen. Denn jeder hat seine eigene Fantasie, bei jedem sieht das Kopfkino, das große Literatur erzeugt, anders aus.

Die Geschichte des Kinos ist geprägt von Literaturverfilmungen, angefangen bei frühen Beispielen wie "Die Reise zum Mond" (nach Jules Vernes) von 1902 über "Vom Winde verweht" bis "Cloud Atlas" von Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern. "Der Herr der Ringe" galt lange als unverfilmbar.

Erst technischen Trick-Möglichkeiten und Computeranimation ließen es zu, die Fantasy-Geschichte in großes Kino zu verwandeln. Im besten Fall hat eine Verfilmung Bestand, wenn das Buch längst vergessen ist. Das wird bei "Anna Karenina" wohl nie der Fall sein, jedoch ist Joe Wrights Inszenierung mutig und geht unverkrampft mit der 800-seitigen Vorlage um.

Ein rauschhafter Sog

Der britische Regisseur erzählt in opulenten Bildern, die man so noch nicht im Kino gesehen hat. Er versetzt die Handlung auf eine Bühne, folgt den Figuren oft in langen Kamerafahrten. Während die Kulissen sich verändern, laufen die Szenen einfach weiter.

Egal ob Schlittschuhbahn, Bahnhof oder Pferderennen – die Bühne verwandelt sich vor den Augen der Zuschauer. Lars von Triers "Dogville" trifft auf Baz Luhrmans "Moulin Rouge", und doch schafft Wright einen ganz eigenen Erzählrhythmus. Er choreografiert seine Figuren, erzeugt im Zusammenspiel mit der Musik einen rauschhaften Sog.

Fast erwartet man, dass jemand anfängt zu singen. Dann wieder gehen die engen Wände des Theaters auf, und die Szenerie wechselt in die freie Natur – ein bestechender Effekt. Der Kontrast zur artifiziellen, im Pomp erstickten Welt der russischen High Society mit dem einfachen Landleben wird so fast physisch spürbar.

Dass die Idee durch mangelndes Produktionsbudget entstanden sein soll (Wright wollte eigentlich an Originalschauplätzen in Russland drehen und nicht im Studio in England), mag man kaum glauben. Im Zentrum steht die verheiratete Anna Karenina, die sich in den jungen Offizier Vronsky verliebt. Keira Kneightley ist in ihrer vielleicht besten Rolle eine mutige, starke, dann wieder selbstzweifelnde Frau zwischen allen Stühlen.

Zeithistorischer Hintergrund ausgeblendet

Dass die Gesellschaft ihre Liebe missachtet, ihr strenger Mann Alexej (Jude Law) der Scheidung nicht zustimmt, will sie nicht akzeptieren. Doch sie scheitert, zerbricht an ihren Gefühlen und an den Konventionen der Zeit. Kneightleys reife Leistung bringt ihr sicher eine Oscar-Nominierung ein.

Aaron Taylor-Johnsons Vronsky ist dagegen so blass und läppisch, dass man nicht wirklich nachvollziehen kann, wieso Anna für ihn alles hinwirft, Mann und Sohn verlassen will. Doch eigentlich macht es Sinn, denn es zeigt, wie unergründlich die Liebe manchmal ist.

Dramatiker Tom Stoppard verdichtet den Plot mit seinen unzähligen Familienverästelungen auf zwei Paare, die beispielhaft die Wege der Liebe aufzeigen sollen. Levin (Domhnall Gleeson, Sohn von Brendan Gleeson) liebt die junge Kitty (Alicia Vikander) und flüchtet aufs Land, um dort das wahre Leben zu finden.

Stoppard blendet den zeithistorischen Hintergrund aus, was die Geschichte manchmal etwas beliebig erscheinen lässt. Doch sie verwickelt den Zuschauer emotional, lässt ihn Stellung beziehen – denn trotz der überbordenden Oberfläche kommen die Charaktere nicht zu kurz. Wright gelingt eine eigene Interpretation eines bewährten Stoffs. Ob "Schiffbruch mit Tiger" und "Der Hobbit", die ebenfalls in die Kinos kommen, diesen Anspruch erfüllen, wird sich zeigen.

Quelle: RP/csr/sap/rm
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