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Film-Kritik: "Elephant": Tod per Versandpaket

zuletzt aktualisiert: 05.04.2004 - 12:59

Nach dem Amoklauf eines 19-Jährigen vor zwei Jahren in Erfurt wurden Massenmorde von Jugendlichen auch hier zu Lande zum Thema. Besondere Aufmerksamkeit wird Gus Van Sants Film "Elephant" aber nicht nur aus diesem Grund erhalten: Dieses Drama zeigt eine Welt, in der die Zerstörung inmitten geordneter Verhältnisse lauert.

Viele Filmminuten vergehen, bis der Regisseur und Drehbuchautor aufdeckt, wer die beiden jungen Männer sind, die ein Blutbad an einem schönen Herbsttag in einer Highschool anrichten werden. Deren Atmosphäre, Organisation und Personal dürfte sich wohl kaum von vielen anderen US-Schulen unterscheiden. Van Sant nimmt die Zuschauer mit auf eine ausgedehnte, anscheinend ziellosen Reise durch die Gänge, Säle, Aufenthaltsräume und Grünfläche der Bildungseinrichtung. Einzelne Schüler wie Lehrer werden vorgestellt, ohne dass schon klar würde, welche Rolle ihnen in der sich anbahnenden Tragödie bestimmt ist.

Es ist gerade diese den Film dominierende Unbestimmtheit, die ein wachsendes Gefühl der Verunsicherung und Bedrohung erzeugt. Immer deutlicher wird, wie wenig diese idyllisch gelegene Schule ein Ort des Friedens ist. Es sind kurze Geschehnisse, fast beiläufig beobachtet, sowie der rüde Ton der jungen Leute, die das schlummernde Gewaltpotenzial signalisieren, das in einem Blutbad enden wird. Der merkwürdig erscheinende Filmtitel, den Van Sant dem Werk eines verstorbenen britischen Kollegen über das Morden in Nordirland entlehnt hat, bezieht sich nicht grundlos auf den bissigen Spruch, dass manche Probleme sich so leicht übersehen lassen wie ein Elefant im Wohnzimmer.

Eine Welt latenter Gewalt

Die Jugendlichen, die gezeigt werden, leben in einer Welt latenter Gewalt, die blitzschnell brutale Realität werden kann. Nichts ist so sicher in dieser Welt der Mittelklasse-Vorstädte, wie es scheint. Gleichwohl erhebt der Filmemacher keinen Anspruch, das Rätsel der Gewalt an den Schulen zu lösen: "Wir wollten nichts erklären. Sobald Sie eine Erklärung liefern, werden fünf andere Möglichkeiten negiert, dass Sie die eine gewählt haben." Es stellt sich allerdings schon die Frage, ob diese zugleich schwebende wie quälende Unbestimmtheit des Geschehens nicht Verhaltensweisen mystifiziert, die sehr wohl verstanden werden können.

Denn ist dieser Amoklauf von zwei noch ungeküssten jungen Männern, von denen der sensiblere glänzend Klavier spielen kann, nicht die ebenso verzweifelte wie katastrophische Extremreaktion auf ein Dasein ohne gefühlten Sinn und ohne sichernde Lebensbahnen? Der Film weicht dieser Frage aus, er scheut den Blick unter die Oberfläche des Massakers. Und deshalb verlässt der Zuschauer das Kino nicht nur beunruhigt, sondern auch ratlos, ja desorientiert.

Im Vergleich mit Hollywood-Streifen, die keine Frage offen lassen, aber auch keine einzige wichtige Frage stellen, ist diese Schwäche des Films durchaus hinnehmbar. Doch dieses bloße Surfen auf der Welle des Highschool-Dramas macht Gus Van Sants "Elephant" unbefriedigend. Denn so fürchterliche Geschehnissen nur zu spiegeln, vermeidet allzu ängstlich auch nur den Versuch einer Erklärung. Gleichwohl ist das ein wichtiger amerikanischer, der nicht ohne Grund den Hauptpreis der Filmfestspiele in Cannes 2003 gewonnen hat.

Nathan Tyson (r.) und Carry Finkler in einer Szene des Films "Elephant", der den ganz normalen Alltag in einer US-Highschool zeigt.  Foto: RPO
Nathan Tyson (r.) und Carry Finkler in einer Szene des Films "Elephant", der den ganz normalen Alltag in einer US-Highschool zeigt. Foto: RPO

 
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