Neuer Film "Anonymus": Emmerich zeigt den wahren Shakespeare
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 10.11.2011 - 09:12Düsseldorf (RP). Hollywood-Regisseur Roland Emmerich behauptet in seinem neuen Film, dass der Adelige Edward de Vere der wahre Verfasser aller Shakespeare-Werke sei. Eine alte These, doch mit "Anonymus" gewinnt sie eine neue und höchst unterhaltsame Wucht.
Dieses Drama beginnt im Stau. Mitten im New York unserer Tage. Bis das Taxi in eine Seitengasse entkommt und vor einem Bühneneingang unter der Leuchtreklame "Anonymus" stehenbleibt. Der Schauspieler Derek Jacobi springt aus dem Wagen, hetzt durch das Labyrinth der schäbigen Garderobengänge und der finsteren Technikräume, bis er auf der Bühne steht und dort noch kurz durchatmet.
Dann hebt sich der Vorhang, und Jacobi beginnt die Geschichte einer zweifelhaften Autorenschaft zu erzählen – es ist die Geschichte des William Shakespeare (1564–1616). Und als dann ein strammer Bühnenregen einsetzt und mit ihm die Schauspieler ins Rampenlicht huschen, reicht ein einziger Kameraschwenk, um die Geschichte ins London des 17. Jahrhunderts zu zaubern. Das Spiel kann also beginnen.
Diesen kleinen Prolog hat Hollywood-Regisseur Roland Emmerich natürlich vom weltberühmten Autor selbst abgeschaut; und für alle Freunde der hohen Dichtkunst wird es tröstlich sein, wie vordergründig und eindimensional diese Kopie mit filmischen Mitteln am Ende ausfällt. Das aber dürfte schon ihr einziger Trost sein, denn ansonsten geht es dem, der seit 400 Jahren unter dem Namen Shakespeare die Bühnen der Welt verhext, an den Kragen: Der einfältige Schauspieler Shakespeare soll bloß die Marionette für den wahren Meister gewesen sein, der ein Adliger war und darum zur literarischen Anonymität verdammt – Edward de Vere, 17. Earl of Oxford.
War der Meister ein Adliger?
Das ist nicht neu, denn bereits seit 150 Jahren machen diverse Verschwörungstheorien dieser Art die Runde. Doch mit Emmerich werden die Theorien plötzlich sehr handfest und für alle Shakespeare-Anhänger bedrohlich. Wie sonst ist zu erklären, dass sich im englischen Stratford-upon-Avon – dem Geburtsort des vermeintlichen Weltautors – schon vor dem Kinostart Widerstand regte.
Mit "Anonymus" wird es für Shakespeare tatsächlich eng – auch ohne neue Beweise. Denn Emmerich schafft kein allzu feinsinniges Kunstwerk, sondern das, was er kann: eben einen echten Emmerich-Film, in dem alles vorkommt, nur eins nicht: Langeweile. Es wird vor imposanten digitalen Kulissen des alten Londons geschmachtet und geliebt, gezeugt, gefeiert, gefressen und krepiert, geheuchelt und geflirtet. Das pralle Leben, wie man in solchen Fällen sagt. Und weil im 17. Jahrhundert die Städtekultur noch nicht so fortgeschritten war, glaubt man, all den Dreck in den Straßen und die offenkundig mangelnde Hygiene der Menschen hier auch riechen zu können; es müffelt nicht, es stinkt.
Sex and Crime
Emmerich trägt gerne dick auf, auch mit der Handlung. Weil das Spiel mit dem falschen Autor nicht reicht, ist der Earl of Oxford sowohl der uneheliche Sohn von Elisabeth I. als auch später ihr Liebhaber und infolgedessen der Vater eines gemeinsamen, gleichfalls anonym bleibenden Sohnes. Sex and Crime, Unzucht und Inzucht – Emmerich lässt es ordentlich krachen. Ob Shakespeare, dem die Fährnisse des gemeinen Lebens nicht unbekannt gewesen sind, diesen Schlamassel geschätzt hätte, bleibt fraglich. Sein Bühnenzauber ist vielfach zarter als die Urgewalt dieser Unterhaltungsmaschine.
Aber der Kinosaal ist kein Theater, und Emmerich möchte daran nichts ändern. Zwar hören wir auch bei ihm berühmte Verse der Verzückung (passenderweise findet der Dichter diese Worte beim Liebesakt), wir sehen die Aufführungen der großen Dramen und die Feder, wie sie ins Tintenfass taucht und aufs Papier "Romeo und Julia" kratzt. Doch alles Literarische ist am Ende nur Mittel zum Zweck. Und so hat Emmerich kaum Interesse an der Qual des unerlösten Urhebers, der den Premieren stolz, aber verbittert im Hintergrund beiwohnt und mit ansehen muss, wie der eitle, alberne, versoffene und hurende Geck Shakespeare statt seiner den Ruhm der ungerechten Welt davonträgt.
Phantastische Redgrave als Königin Elizabeth
An vielen Stellen hat Roland Emmerich die Stellschraube der Glaubwürdigkeit überdreht. So bleiben nur die Schauspieler, die uns ihre Hand reichen und uns in die Geschichte zurückholen. Und was für eine grandiose Königin Elisabeth ist diese Vanessa Redgrave! Die Gebieterin, die Verletzbare, die Unbarmherzige, die Lustvolle, die vom Alter wie von Schönheit Gezeichnete. Mit ihr erscheint eine wahre Shakespeare-Gestalt auf der Leinwand. Aber Rhys Ifans kann ihr als Edward de Vere das Wasser reichen. Einer, der die Stimmen seiner Figuren nicht mehr aus dem Kopf und die Tintenflecke nicht mehr von den Fingern bekommt. Ein Snob ist er, und hätte es diesen Typ schon im 17. Jahrhundert gegeben, so wäre er ein formidabler Bohemien gewesen.
Dass einer wie Roland Emmerich sich der Hochkultur lustvoll widmet und die fragwürdige Autorenschaft ins Skandalöse hebt, bedeutet nicht den Untergang des Abendlandes. Vielmehr wird es sein Verdienst sein, ein bisschen Shakespeare vielen Menschen näher zu bringen. Das ist mehr, als manche Kultusministerkonferenz je erreicht hat. Und wenn es dabei lauter zugeht – ach Gott: Auch die Stimmung im hölzernen Theaterrund des 17. Jahrhunderts dürfte nicht besonders weihevoll gewesen sein.
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