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Sozialdrama "Altiplano": Ergreifend – das Schicksal einer Dorfgemeinschaft in den Anden

VON THOMAS KLINGENMAIER - zuletzt aktualisiert: 24.06.2010 - 21:53

(RP). Sozialdrama "Altiplano" schildert die Kulturgeschichte und den Untergang der entrechteten Bewohner einer Siedlung in Peru

 Foto: Farbfilm
Foto: Farbfilm

Maria reckt sich im Licht nach oben. Die Gipshände hat sie bittend und empfangend erhoben, als bade sie in einer Gnade, die sie auch auf andere lenken möchte. Links und rechts vor ihr stehen zwei Messdiener, Indiojungs mit blauen Umhängen, bunten Westen, ernsten Gesichtern. Sie blicken in dieser stillen ersten Einstellung von "Altiplano" in die Kamera, und das schafft einen jener beunruhigenden Momente, in denen nicht wir den Film anschauen, sondern der Film uns.

Dann setzen sich die Jungs prächtige Masken auf: eine bekümmert blickende Sonne mit einem bärtigen Bürgermeistergesicht und eine nicht minder strenge Mondfrau, der wie eine melancholische Narrenkappe eine Sichel aus dem Kopf wächst. Die Ministranten aus den Anden sind zu Figuren eines heidnischen Pantheons geworden, die ihren Frieden mit katholischen Heiligen gemacht haben. "Altiplano" verweist so auf die Begegnung der Kulturen, auf die Frage nach Durchsetzung und Anpassung.

Draußen vor der Kirchentür wird es zum Unfall kommen. Faszinierte Kinder spielen mit silbern schillernden Pfützen, die Erwachsenen kommen ins Taumeln, die Madonna stürzt und zerbricht. Die Dorfbewohner beklagen das schlimme Vorzeichen. Wir wissen, dass sie da keinem Aberglauben aufsitzen. Das aus der Erde quellende Wunderwasser ist Quecksilber, ein Abfallprodukt der Goldminen, und es wird die Dorfbewohner vergiften.

Damit hätte "Altiplano" bereits eine große Geschichte. Aber das Regie- und Autorenduo Jessica Hope Woodworth und Peter Brosens will Problembewusstein und weiten Horizont beweisen. Die Frau eines Arztes, der in den Anden Hilfe leistet, ist Fotoreporterin (Jasmin Tabatabai). Im Irak hat sie die Hinrichtung ihres einheimischen Partners durch Aufständische knipsen müssen. Das Bild ist für den Pulitzer-Preis nominiert, die Fotografin aber traumatisiert.

Das muss nun auch noch erzählt werden, kommt der anderen Geschichte aber in die Quere. In der Rückblende auf den Mord kreist die Kamera um Tabatabai herum, die bühnensteif dasteht, mit einem Ausdruck geschockter Ausdruckslosigkeit auf dem Gesicht. Das ist zu überdeutlich, das zeigt, wie bemüht jemand aus der Ersten Welt als Ko-Opfer in diesem Film über die Entrechteten installiert werden muss. Langweilig aber wird "Altiplano" nie, weil die Kamera uns hinausführt aus den Platitüden und hinein in Bilder, in denen wir zu fühlen und zu rätseln anfangen.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Quelle: RP

 
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