Historienfilm "Young Victoria": Erstarrt im Kostüm
VON THOMAS KLINGENMAIER - zuletzt aktualisiert: 22.04.2010 - 12:13(RP). Comics, Romane, Karikaturen und auch Filme haben Queen Victoria (1819-1901), die 63 Jahre auf dem englischen Thron saß, oft und gerne als tyrannische alte Kröte gezeichnet. Das nach ihr benannte Zeitalter, der Viktorianismus, ist sprichwörtlich für Doppelmoral geworden, für öffentliche Prüderie und Lasterhaftigkeit hinter der Fassade. Dass er zumindest mit dem Bild des dicken alten Weibleins im ewigen Witwenornat brechen will, verrät Jean-Marc Vallées Film schon im Titel: "Young Victoria".
Zwar ist auch die 18-jährige Victoria schon Königin, aber Emily Blunt stellt eine strahlende, lebensfrohe junge Frau vor die Kamera, ein kluges, sensibles, willensstarkes Geschöpf, dem man ein wildes Herz zutraut. Dieser Victoria wird nun der deutsche Prinz Franz August Carl Albert Emmanuel von Sachsen-Coburg und Gotha, Herzog zu Sachsen, kurz Prinz Albert (Rupert Friend), ins Schloss geholt, mit Blick auf eine Vermählung, weil der deutschstämmige Teil der Elite den eigenen Einfluss auf die europäischen Geschicke stärken möchte.
Aus dem politischen Ränkespiel und dem Antrag, Sex allenfalls als Mittel der Diplomatie zu begreifen, wird hier allerdings echte Leidenschaft unter schwierigsten Bedingungen. Victoria will lieben und muss sich doch abgrenzen, will sich hingeben und doch keine Schwäche dulden, will dem Partner vertrauen und ihn doch im Auge halten und notfalls auf seinen Platz nicht nur neben, sondern eindeutig seitlich unter ihr zurückweisen.
Das ist ein spannender Stoff, den Vallée leider über weite Strecken als Kleiderstoff begreift. "Young Victoria" ist ein Film, der sich ausnahmsweise durch seine Oscar-Nominierungen beschreiben lässt: beste Ausstattung, bestes Make-Up, beste Kostüme (letzteren Oscar hat er dann auch gewonnen).
Das soll nicht heißen, dass "Young Victoria" von Anfang an nichts als ein Museum der schönen Dinge und Menschen sein will. Das Drehbuch stammt von Julian Fellowes, der für Robert Altmans "Gosford Park", diese geniale Betrachtung der britischen Klassengesellschaft, das Skript geliefert hat und für Mira Nairs arg unterschätzten "Vanity Fair" an der Adaption von Thackerays Romanvorlage mitgearbeitet hat. Immer wieder versucht sich hier eine Betrachtung des absurden Lebens im Zentrum der Macht freizukämpfen – und wird unterm nächsten Kleid begraben.
Bewertung: 2 von 5 Sternen
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