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Film-Kritik: Fahrenheit 9/11: Feldzug gegen George W. Bush

zuletzt aktualisiert: 26.07.2004 - 09:31

Michael Moore ist kein Freund von US-Präsident George W. Bush. Daraus macht der Amerikaner kein Geheimnis. Er drehte einen Film über den Mann im Weißen Haus. Moore will mit "Fahrenheit 9/11", eine Mischung aus Dokumentation, Satire und Agitprop, eines verhindern: die Wiederwahl von George W. Bush.

Wenn im Spätherbst die USA ihren Präsidenten wählen, dann sprechen ein Mann und sein Film ein gewichtiges Wort mit bei der Entscheidung von Millionen: Michael Moore und "Fahrenheit 9/11". Der Streifen könnte weltpolitische Bedeutung erlangen, wenn Amtsinhaber George W. Bush die Wahl gegen seinen demokratischen Herausforderer John F. Kerry verlieren sollte. Die Resonanz auf Moores neues Werk in den Vereinigten Staaten ist jedenfalls sensationell.

Als erster Dokumentarfilm spülte "Fahrenheit 9/11" 100 Millionen Dollar in die US-Kinokassen. Das ist für einen Dokumentarstreifen ein bis vor kurzem noch unvorstellbarer, nie zuvor gekannter kommerzieller Erfolg. Doch der dicke Riese aus Flint im Bundesstaat Michigan ist seit seinem Oscar-Triumph für "Bowling for Columbine" sowie dem Hauptpreis des diesjährigen Filmfestivals in Cannes der politisch einflussreichste Filmemacher der westlichen Welt. "Fahrenheit 9/11", ab dem 29. Juli in den deutschen Kinos zu sehen, ist die gnadenlose Abrechnung mit einem Mann im Weißen Haus, den Moore verabscheut und aus seiner Position verjagen will.

Beim amerikanischen Publikum dürfte diese Abrechnung ihre Wirkung nicht verfehlen. Filmisch allerdings fällt Moores Film deutlich ab gegenüber "Bowling for Columbine". Vereinten sich bei jenem Streifen Satire, Polemik und Information noch im besten Sinne unterhaltsam und aufklärerisch zugleich, so dominiert in dem neuen Film zu penetrant die Absicht, den verhassten Texaner auch mit fragwürdigen Methoden ins Zwielicht zu rücken. Bush soll sogar als Politkrimineller entlarvt werden. Doch wirkt der Film gerade deshalb überladen, und zu lang geraten ist er auch.

Denn Moore will eine ganze Menge in zwei Stunden Laufzeit packen: Dass Bush durch Wahlmanipulation ins Amt gekommen ist, vor dem verhängnisvollen 11. September 2001 eine Nullnummer war, bei Bekanntgabe des Terroranschlags völlig verwirrt schien, danach skrupellos auf Repressionskurs ging, mit Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in undurchsichtige Geschäfte mit den Saudis und dem Bin-Laden-Clan verwickelt war, mit dreisten Lügen den Irak-Krieg provoziert hat und ohne Bedenken junge Frauen und Männer aus den ärmsten Schichten der Gesellschaft in Bagdad und anderswo ins Feuer schickt.

Es gibt einige, aber leider nicht viele entlarvende Szenen in dem Film. So zum Beispiel, wenn Bush auf einem Galadinner der amerikanischen Reichen und Mächtigen den Anwesenden zuruft: "Einige nennen Euch Elite. Ich nenne Euch meine Basis." Oder wenn Moore zeigt, wie Rekrutierungsoffiziere in Paradeuniform vor einem Supermarkt der ärmeren Bevölkerung arbeitslose Farbige für den Dienst in den Streitkräften zu ködern versuchen. Andererseits vermag gerade diejenige Episode kaum zu überzeugen, die der Filmemacher als besonders charakteristisch für Bushs Unfähigkeit erachtet: Nämlich die Minuten, in denen der Präsident beim Besuch einer texanischen Schulklasse von der Attacke aufs World Trade Center erfährt.

Moore gefährdet Bush und die eigene Glaubwürdigkeit

Der Präsident ist sichtlich irritiert, ja desorientiert, aber er bleibt noch bei den Kindern. Die Bilder lassen einen Mann erkennen, der nicht so recht weiß, wie er auf das Ungeheuerliche reagieren soll. Moore wertet das negativ. Man kann Bushs Reaktion aber auch so verstehen, dass er krampfhaft versucht, Panik und Aktionismus zu vermeiden. Gewiss ist der derzeitige Machthaber im Weißen Haus keine Lichtgestalt. Aber gerade diese Tatsache sollte nicht dazu verleiten, es sich allzu einfach mit dem Kampf gegen George W. Bush zu machen.

Für deutsche Betrachter, die halbwegs aus den Medien informiert sind, bietet der Film wenig Neues, auch wenn manche Bilder hier zu Lande noch nicht zu sehen waren. Wie in "Bowling for Columbine" gibt es witzige Einschübe und einige verblüffende Fakten. Doch überwiegt purer Agitprop. Moore will Bush weghaben, und dafür ist ihm jedes Mittel recht. Es könnte sein, dass er seinem Land und der Welt damit einen Gefallen erweist.

Gleichwohl verlässt man "Fahrenheit 9/11" mit einem gewissen Unbehagen. Zumal am Schluss mit dem Leid von Müttern, die ihre Söhne im Irak verloren haben, mächtig auf die Emotionspauke gehauen wird. Michael Moore ist eine Gefahr für Bush. Aber Moore ist auch in Gefahr, seine Glaubwürdigkeit mit allzu suggestiven Bildmontagen und allzu gewagten Spekulationen einzubüßen. Selbst im Kampf gegen das 'Böse' ist nicht jedes Mittel recht. Der US-Präsident, Dick Cheney und Co. bieten Angriffsflächen genug, um auch seriöser die Welt davon überzeugen zu können, dass sie alle bald in den Ruhestand geschickt werden sollten.

Foto
Mit "Fahrenheit 9/11" will Michael Moore dazu beitragen, dass George W. Bush nicht erneut zum Präsidenten gewählt wird. Foto: RPO

 
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