Kino-Kritik: Familiendrama Demenz
VON PETER STEINHART - zuletzt aktualisiert: 24.04.2008 - 09:01Düsseldorf (RP). Selbst in Sun City in der Wüste von Arizona, in Amerikas größtem Reservat für vermögende Pensionäre, wo Elektroautos durch die Palmen- Alleen zu immergrünen Golfplätzen schnurren und alte Damen in neckischen Cheerleader-Röckchen ihre Morgengymnastik absolvieren, lassen sich die Schrecken des Alterns und Sterbens nicht ausblenden.
In einer der Villen wehrt sich der greise Lenny mit so grotesken Mitteln gegen die Arroganz eines Pflegers, dass seine Sprösslinge im fernen Osten der USA mit der Nachricht von beginnender Altersdemenz alarmiert werden.
Realistische Details
Die Geschwister Jon und Wendy treffen gerade rechtzeitig ein, um die Vertreibung des alten Herrn aus dem zweifelhaften Paradies zu erleben: Seine greise Freundin und Gönnerin ist gerade in einem Schönheitssalon verschieden, aufgeputzt wie eine Mumie, und so hat Lenny das Wohnrecht in der Sonnenstadt verloren. Er wird abtransportiert in die winterliche Düsternis von Upstate New York. Schon der Weg dorthin macht klar: Tamara Jenkins, die Autorin und Regisseurin, setzt für die Annäherung an ihr düsteres Thema weder auf die grellen Mittel einer Farce noch auf die Gefühligkeit eines Melodrams. Sie hält sich ohne Hohn, aber auch ohne Sentimentalität an realistische Details, die herzzerreißend traurig und zugleich komisch sind.
Doch wie der deutsche Titel verdeutlicht, geht es nicht nur um den Weg eines alten Mannes in den Tod, sondern mehr noch um „Die Geschwister Savage“, zwei Eigenbrötler um die Vierzig. Nur mühsam kann Wendy, eine erfolglose Theaterautorin aus New York, ihren älteren Bruder Jon, Literaturprofessor an einem unbedeutenden College in Buffalo, dazu überreden, ihr bei der Unterbringung des ungeliebten Vaters zu helfen. Schließlich hat der alte Herr sich nie um seine Kinder gekümmert, und für Jon und Wendy war ihre längst verflossene geschwisterliche Nähe nur Teil einer unerfreulichen Kindheit.
Laura Linney und Philip Seymour Hoffman machen aus diesen beiden kaputten, aus freudloser Alltagsroutine herausgerissenen Menschen so eindringliche, facettenreiche Figuren, dass ganz selbstverständlich wirkt, was doch im Film höchst ungewöhnlich ist: Nicht zwei Brüder oder zwei Schwestern stehen im Mittelpunkt, sondern eben Bruder und Schwester. Sie streiten sich mit einer Inbrunst und einer wortgewaltigen Bosheit, die ihre Verstörung durch die Erinnerung an so etwas wie familiäre Pflichten zeigt. Für Tamara Jenkins sind sie wie Hänsel und Gretel, die Geschwister in Grimms Märchen, die vom Vater im finsteren Wald zurückgelassen werden.
Bis zum Schluss bleibt offen, ob sich zwischen den beiden wieder ein Hauch von geschwisterlicher Solidarität entwickeln kann. Manchmal zerfleischen sie sich in so heftigen Rededuellen, dass sie die Anwesenheit des alten Vaters ignorieren. Doch der hat trotz zunehmender Demenz unbemerkte Momente erschreckender Klarsicht. Einmal, als Wendy ihren Bruder mit dem Argument niedermacht, er sei ein ebenso gefühlloser Egoist „wie unser Vater“, vergräbt sich der Alte im Lärmschutz von Kopfhörer und Kapuze und betrachtet voller Sehnsucht die Grabmonumente eines Friedhofs, die gerade vor dem Autofenster vorbeiziehen.
Zu melodramatischem Heldentum reicht es bei den beiden nie: weder bei Wendy, die den freudlosen Sex mit ihrem Liebhaber nur erträgt, weil sie dabei dessen Hund streicheln kann, noch bei Jon, der seine polnische Freundin nachhause schickt, statt ihr einen Heiratsantrag zu machen, obwohl er schon zum Frühstück in Tränen ausbricht bei dem Gedanken, ohne sie weiterleben zu müssen.
Doch manchmal werden sie sogar von diesem bösen alten Mann, der seine Verwirrung und Gebrechlichkeit mit zunehmender Feindseligkeit abreagiert, zu Gesten verschütteter Zärtlichkeit verführt – durchaus nachvollziehbar bei diesem Greis, den der New Yorker Bühnenstar Philip Bosco mit faszinierendem Understatement verkörpert.
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