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"Florence Foster Jenkins"
Sternstunde der Unbeholfenheit

Düsseldorf. Meryl Streep spielt in der großartigen Komödie "Florence Foster Jenkins" die schlechteste Sängerin der Welt. Von Philipp Holstein

Als ihr Gesangslehrer hört, dass Florence Foster Jenkins einen Auftritt in der Carnegie Hall plant, sagt er, er werde leider nicht kommen können, er müsse nämlich nach Florida. Und als man den Maestro fragt, woher er das denn wisse, es gebe doch noch gar keinen Termin für das Konzert, entgegnet er strikt: "Sagen Sie mir einfach das Datum, ich bin dann nicht da." Über den Auftritt seines Schützlings wird ein Journalist später schreiben, die Sängerin habe sich angehört wie eine Hyäne bei der Niederkunft.

Florence Foster Jenkins ist als "schlechteste Sängerin der Welt" in die Geschichte eingegangen. Mit ihrem ererbten Vermögen unterstützte sie im New York des frühen 20. Jahrhunderts die Künste, und in dem von ihr gegründeten "Verdi Club" trat sie in verwegenen Kostümierungen und mit reichlich Federschmuck in sogenannten tableaux vivants auf - mit Menschen nachgestellten Gemälden. Sie sang die schwierigsten Arien, ohne die leiseste Ahnung zu haben, wie man das macht. Es muss so fürchterlich geklungen haben, dass die Zeitgenossen aus Fürsorge alle Gläser von den Tischen räumten.

Der britische Regisseur Stephen Frears hat nun das letzte Jahr im Leben dieser besonderen Frau verfilmt. Die Titelrolle spielt Meryl Streep, und Regisseur und Hauptdarstellerin zelebrieren die Minuten, bevor die Sängerin, die keine war, den Mund öffnet. Wenn Streep für ihr Spiel ihren vierten Oscar bekommen sollte, dann sicher auch wegen der schrägen Grandezza, mit der sie hier die Steine erweicht.

Jahrzehntelang wird Foster Jenkins von ihrem Lebenspartner St. Clair Bayfield vor der Wahrheit beschützt. Er hatte einst den Traum, ein großer Shakespeare-Darsteller zu werden, aber er spürte, dass es nicht reichte, und fortan lebte er "frei von der Tyrannei der Ambition". Er widmete sich einem höheren Projekt: das Glück seiner Gefährtin zu schützen. Und so sieht man, wie er Foster Jenkins abends zu Bett bringt, ihr vorliest, ihr mit großer Zärtlichkeit die Perücke vom kahlen Kopf nimmt, den Puls misst und die falschen Wimpern von den Lidern zieht. Erst wenn er sicher ist, dass sie schläft, fährt er zu seiner Geliebten.

Wie jede gute Komödie ist auch diese im Kern tragisch. Foster Jenkins' verstorbener erster Mann steckte sie in der Hochzeitsnacht mit Syphilis an, sie wurde mit Quecksilber und Arsen behandelt, ihre Haare fielen aus, und man vermutet, dass auch das Nervensystem geschädigt wurde. Vielleicht hat das ihre Wahrnehmung eingeschränkt, jedenfalls schien sie tatsächlich davon überzeugt gewesen zu sein, wie eine Nachtigall zu singen.

Hugh Grant spielt den St. Clair, und er bietet die beste Vorstellung seiner Karriere. Man ist fasziniert von diesem Ritter der Fürsorge, der hingebungsvoll die platonische Beziehung zu Foster Jenkins pflegt, Gesangslehrer kauft, Journalisten besticht und Musikfreunde zu blindem Jubel überredet. Zugleich lässt Grant sanft durchblicken, dass St. Clair außerhalb des Arrangements mit Foster Jenkins Sehnsüchte hat, Bedürfnisse und Abgründe.

Es gibt eine Erzählung von Ingeborg Bachmann, "Ihre glücklichen Augen" heißt sie, und darin setzt die extrem kurzsichtige Hauptfigur nie ihre Brille auf, um das Elend der Welt nicht sehen zu müssen. Ein bisschen so geht es auch Foster Jenkins. Sie lebt in einem künstlichen Ideal, und diese Schöpfung ist ein Produkt ihrer Arglosigkeit, ihrer Güte und Menschenfreundlichkeit. Sie tritt als Mäzenin auf, und als wieder einmal ein Musiker 1000 Dollar von ihr bekommt und sich St. Clair über ihre Freigiebigkeit aufregt, sagt sie: "Aber er hat mir doch eine Platte von sich geschenkt."

Frears hat auch "Die Queen" (2006) gedreht, und obwohl das ein toller Film war, wurde man den Eindruck nicht los, Helen Mirren blicke mit Distanz, sogar mit Herablassung auf die von ihr verkörperte Königin. Bei Meryl Streep ist das anders, sie wird eins mit ihrer Figur, sie spielt sie voller Sympathie. Je länger der Film dauert, desto mehr gewinnt man diese Person lieb, man schließt sie geradezu ins Herz. Und das ist denn auch die große Leistung von Frears und seinen fabelhaften Schauspielern, dass hier kein Opfer präsentiert wird, kein bemitleidenswerter Mensch. Sondern eine Frau, die ihren Spaß haben möchte und sich ein Leben außerhalb der Wirklichkeit gönnt. Mancher mag ein wenig Schärfe vermissen; der heute 75 Jahre alte Frears war ja in den 80er Jahren abgründiger, giftiger - etwa in "Mein wunderbarer Waschsalon" und "Gefährliche Liebschaften". Aber damit tut man ihm in diesem Fall unrecht, denn das hier ist ein Märchen, das eine Alternative zu unserer Sucht nach Bewertbarkeit und Wahrheit aufzeigt. Was Frears anbietet, ist galanter Eskapismus.

Leider will Foster Jenkins in die Carnegie Hall, wenn auch nicht aus Narzissmus. Es ist das Jahr 1944, und sie möchte Soldaten mit ihrer Kunst beschenken. St. Clair kann sie nicht beschützen, ihm gelingt es dieses Mal nicht, all jene Zeitungen aufzukaufen, die Verrisse bringen. Der Abend wird zum Fiasko, und inzwischen ist diese Sternstunde der Unbeholfenheit das am häufigsten abgerufene Konzert der Carnegie Hall - vor den Beatles und Judy Garland. Foster Jenkins erholte sich nie vom Schock des Ausgebuhtwerdens, sie hatte bis dahin ja nicht gewusst, was Häme ist. Einen Monat, nachdem die Realität ihr die rosarote Brille aus dem Gesicht geschlagen hatte, starb die 76-Jährige.

So bekommt man eine präzise inszenierte und sehr traurige Komödie zu sehen, einen Film über Liebe und Hingabe und auch einen Versuch darüber, was das Glück ist. Florence Foster Jenkins jedenfalls darf man sich als eine starke Persönlichkeit vorstellen. Auf ihrem Grabstein steht: "Die Leute können vielleicht behaupten, dass ich nicht singen kann, aber niemand kann behaupten, dass ich nicht gesungen hätte."

Quelle: RP
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