Aschenputtel im indischen Slum: Freida Pinto verzaubert in "Slumdog Millionär"
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 19.03.2009 - 09:16Düsseldorf (RP). Eine märchenhafte Liebesgeschichte erzählt der britische Regisseur Danny Boyle in seinem neuen Film "Slumdog Millionär" – und lässt sie auf die bittere Wirklichkeit in den Slums von Mumbai treffen. Zu Recht bekam dieser leidenschaftliche Bilderrausch im Januar acht Oscars. Mit dabei: Die hübsche Freida Pinto, die jetzt als Bondgirl im Gespräch ist.
Nur noch eine Frage. Wenn Jamal die Antwort weiß, gewinnt er 20 Millionen Rupien, ein unglaubliches Vermögen für einen 18-Jährigen, der in den Slums von Mumbai aufgewachsen ist. Also versammeln sich in den Armenvierteln der Mega-Metropole die Menschen bei den wenigen Fernsehbesitzern, um das Finale der "Wer-wird-Millionär"-Show mitzuerleben. Einer von ihnen hat die Chance, dem Elend zu entkommen.
Doch daran denkt Jamal überhaupt nicht, dieser jungenhafte Held mit den Segelohren, dem Blick eines Verdutzten und der Sturheit eines wahrhaft Liebenden. Jamal denkt nur an sie, an Latika, die zarte, unschuldigschöne Jugendfreundin, der er nachspürt, seit sie sich auf der Flucht vor einem Kinderhändler verloren. Ein indischer Prinz sucht Aschenputtel. Sie will er aus den Armen eines Zuhälters befreien. Und dazu braucht er Geld. Darum muss Jamal das Wissensquiz gewinnen. 20 Millionen Rupien für eine Liebe.
Danny Boyles "Slumdog Millionär" ist ein überbordender Film: leidenschaftlich, fröhlich, kitschig, bunt, brutal, tragisch, gnadenlos – und das alles in so schneller Folge, dass dem Zuschauer Hören und Sehen vergehen. Allerdings nur, um beides neu zu lernen, denn "Slumdog" ist zwar ein Bilderrausch, doch will der Film nicht naiv betören, sondern setzt den Zuschauer all den herben Kontrasten einer indischen 20-Millionen-Chaosstadt aus, damit er irritiert ist und hinsieht.
Wenn Jamal und sein Bruder etwa als Kinder durch ihren Slum stürmen auf der Flucht vor schmierigen Polizisten, dann schlängelt sich eine wendige Digi-Cam hinter ihnen her durch die Gassen der Armut. Das ist rasant gefilmt, ein Lümmelabenteuer auf den ersten, den westlichen Blick.
Doch zeigt diese Flucht im Vorbeifliegen auch die vielen Kleinkinder in den kargen Wellblechverschlägen, das Faulwasser, in dem gewaschen wird, den ganzen Müll, in den dieses Labyrinth hineingegraben ist. Und als ein paar Szenen später religiöse Fanatiker dasselbe Viertel stürmen und im Vorüberrennen die Mutter der beiden Jungs töten, da wird drastisch deutlich, dass dies kein rau-idyllischer Abenteuerspielplatz ist, sondern eine regellose menschenverachtende Wirklichkeit, der man niemals ausgeliefert sein möchte.
Doch dieser Eindruck steht nie im Vordergrund. Regisseur Boyle will nicht schockieren, nicht belehren, sondern erzählen – ein Märchen, das er kaltschnäuzig naiv in die indische Wirklichkeit stellt. Denn natürlich ist die Geschichte vom schlauen Jungen, der seinem Elend durch einen Quizgewinn entkommen will, pure Illusion, eine Laune des Drehbuchgottes.
Doch gegen diesen süßen Traum stellt Boyle Episoden aus Jamals Leben, die er drastisch realistisch darstellt: Jamal als Müllsammler, als Bettler, im Call-Center – als Bodenwischer, nicht als Telefonist. Zwar verwöhnt Boyle den Zuschauer immer wieder mit ergreifend schönen Bildern, etwa wenn Jamal und sein Bruder auf einen Zug aufspringen und gegen die Fahrtrichtung über die Waggondächer laufen – einer dunstigen Abendstimmung entgegen. Doch diese Bilder sind nicht Verbrämung, sie sind schmerzlich schön, weil sie den Gedanken wecken, dass man in solcher Umgebung nicht gezwungen sein dürfte, zu leben wie diese beiden Kinder.
Reizvoll ist der Film auch wegen seiner Erzählstruktur mit doppelter Rückblende: Der Zuschauer erlebt Jamal in der Millionärs-Show kurz vor dem möglichen Gewinn. Von dort springt der Film zurück in ein Verhörzimmer, wo zwei korrupte Polizisten versuchen, aus Jamal herauszufoltern, wie er sich durch das Quiz geschummelt hat.
Doch Jamal hat nicht getrickst. Erlebnisse aus seinem Leben haben ihm, dem Ungebildeten, geholfen, die Wissensfragen zu beantworten. Diesen Episoden aus Jamals Jugend folgt die Kamera ebenfalls, zeigt, wie das Slumkind groß geworden ist, wie Jamal im Schatten des Bruders stand, der schon früh der Skrupellose von beiden war und bald zum Kriminellen wurde. Slumdog ist also auch eine Brudergeschichte, die tragisch wird, als Latika ins Spiel kommt, das Mädchen von der Müllhalde, das die beiden Brüder schon als Kind verzaubert – und den Zuschauer auch.
Als "Slumdog Millionär" im Januar in Los Angeles acht Oscars gewann, wurde viel darüber geschrieben, dass nun Bollywood in Hollywood angekommen sei. Doch eigentlich ist es umgekehrt, denn ein westlicher Filmemacher, der Brite Boyle, hat sich nach Indien aufgemacht, hat sich erfassen lassen von den Farben, Gerüchen, Gegensätzen dort, hat in den Slums nach Darstellern gesucht und dann mit der erzählerischen Raffinesse europäischer Filmtradition etwas Neues geschaffen.
Denn man merkt "Slumdog" an, dass er sich das farbenfrohe surreale Musical-Tanzkino Indiens einverleibt hat. Boyle gelingt die ungeheuerliche Verschmelzung von kritischem Realismus und indischem Traumtänzerkino. Eine Mischung, die unterhält, berauscht, bedrückt – eine Mischung für großes Kino. llll
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