Sozialdrama: Philippe Liorets "Welcome": Freudlos am Ärmelkanal
VON PETER STEINHART - zuletzt aktualisiert: 04.02.2010 - 08:59(RP). Vielleicht hat Simon die beiden Flüchtlinge gar nicht aus Mitgefühl aus der kalten Winternacht in seine Wohnung geholt. Vielleicht war es nur der Impuls, seiner Ex zu imponieren, die ihm vorwirft, ein egoistischer Klotz zu sein. Diese Marion, die sich allabendlich am Aufbau illegaler Suppenküchen beteiligt für das Heer von "Sans papiers", von Flüchtlingen "ohne Papiere" aus Nahost und Afrika, die ihre Nächte im "Dschungel" verbringen, einem Elendslager aus Bretterbuden und Plastikplanen in den Dünen.
Zu Tausenden strömen sie nach Calais und warten auf eine Chance, die riesigen Sperranlagen rund um Fährhafen und Kanaltunnel zu überwinden und in einen Container zu schlüpfen für die Überfahrt ins Gelobte Land: England, dessen weiße Klippen bei klarem Wetter so trügerisch nah aufleuchten. In betont beiläufigen Szenen zeigt "Welcome" die Schikanen, mit denen diesen Flüchtlingen das Ausharren erschwert wird, und stellt das kaum minder freudlose Leben von Simon dagegen: einem verbitterten Ex-Champion und Ex-Ehemann, Schwimmlehrer im Hallenbad und vom Wunsch des 17-jährigen Kurden Bilal überrascht, bei ihm schwimmen zu lernen.
Was scharf und grell beginnt wie ein Dokumentarfilm über diese Ballung von Flüchtlingselend nicht irgendwo am Rand, sondern mitten in der Festung Europa, konzentriert sich schnell auf ein Drama von zwei, drei Individuen; wird ein weiteres Meisterstück von Philippe Lioret, der hier politisches Engagement nahtlos in ebenso eigenwilligen Porträts aufgehen lässt wie in "Die Frau des Leuchtturmwärters".
Vincent Lindon als stoischer Rebell Simon erinnert mehr denn je an den jungen Jean Gabin. Er lernt von dem jungen Bilal (Firat Ayverdi), wieder um Träume zu kämpfen: Bilal will um jeden Preis nach London, weil dort seine große Liebe Mina lebt. Vergeblich warnt Marion (Audrey Dana) Simon vor dem neuen "Delikt der Solidarität", das Hilfe für Illegale drakonisch bestraft. "Bilal riskiert sein Leben, und ich bin nicht einmal über die Straße gegangen, um dich zurückzuholen", antwortet Simon. Er wird denunziert und ruiniert als Helfer Bilals, den er fit macht für das winterliche Durchschwimmen des Kanals.
"Welcome" provozierte in Paris hitzige Debatten, zumal Lioret die Behandlung der Flüchtlinge mit der Verfolgung der Juden durch die Vichy-Polizei verglich. Ein Happyend gibt es nicht: weder für Bilal noch für den Kampf gegen das "Delikt der Solidarität".
Bewertung: 4 von 5 Sternen
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