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"Königin der Wüste" im Kino
Für diesen Film ist Kidman nicht die Richtige

Für den Film "Königin der Wüste" ist Nicole Kidman nicht die Richtige
FOTO: dpa, sab
Düsseldorf. Werner Herzog hat schon mal in Peru ein Schiff über einen Berg gehievt und "Fitzcarraldo" wurde ein großer Film. Jetzt erzählt er in "Königin der Wüste" von der Nahost-Erkundlerin Gertrude Bell – und scheitert an seiner Hauptdarstellerin. Von Dorothee Krings

Eine Frau will weg. Egal, wohin, nur hinaus in die Welt, wo das Leben ist. Gertrude Bell gehörte zu den ersten Frauen im 19. Jahrhundert, die in Oxford studieren durften. Sie war intelligent, neugierig, mutig – und damit völlig unbrauchbar für das Leben einer höheren Tochter. Solche Frauen brauchten noch Männer, die ihnen die Tore in die Freiheit öffneten. Bei Bell war es der Vater, ein eisenreicher Industrieller, der seine Tochter nach Teheran reisen ließ. In diplomatische Kreise, versteht sich, doch einmal entkommen in den Nahen Osten, unternahm Gertrude Bell ihre Expeditionen bald auf eigene Faust. Eine unstandesgemäße Ehe mit der großen Liebe ihres Lebens konnte der Vater noch verhindern. Doch einfangen konnte er seine Tochter nicht mehr. Sie war in der Wüste gewesen, hatte die Achtung der Beduinen gewonnen und in der menschenleeren Weite die Sonne untergehen sehen. Sie war endgültig verdorben für die bürgerliche Enge.

So eine Gestalt muss Herzog gefallen. Er ist ja auch mal aufgebrochen zu einer Expedition, hat im peruanischen Dschungel einen ganzen Amazonas-Dampfer über einen Berg geschoben, hat sich mit den Indios angelegt und versucht Klaus Kinski zu zähmen, diesen Wahnsinnigen, bei dem längst alle Überdruckventile explodiert waren. "Fitzcarraldo" wurde genau darum ein grandioser, besessener Film mit der großen Geste einer Oper. Er war die Tat eines Mannes, der sich ohne Absicherung in die Kunst werfen wollte. Volles Risiko. Ein Schiff über Berge versetzen – das war die Metapher für Herzogs eigenes Tun als Regisseur und Kinski sein egomanischer Wiedergänger.

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Und nun das. Herzog verfilmt das Leben der Gertrude Bell, der weiblichen Lawrence von Arabien, und heuert dafür lauter glattgeschliffene, hochglanzpolierte Stars des Kommerzkinos an: Hollywood-Liebling James Franco und Damian Lewis, bekannt als verdächtiger Soldat "Brody" in der Serie Homeland als Bells Liebhaber, Robert Pattinson als jungen Lawrence von Arabien und allen Ernstes Nicole Kidman als die draufgängerische, tapfere Forschungsreisende, Historikerin, Schriftstellerin, politische Beraterin und Geheimdienstagentin Gertrude Bell, die Königin der Wüste.

"Der Stoff sei einfach zu groß gewesen", sagte Herzog bei der Berlinale, als er nach der mainstreamigen Besetzung gefragt wurde. Das klang, als habe sich Herzog gegen die eigene Manie eine Hollywood-Großprodutkion verordnet, als habe er seine wilde Schaffenskraft in kommerzielle Bahnen lenken wollen. Vielleicht wollte er auch beweisen, dass einer, der Kinski bändigen konnte, auch eine Kidman zum Leben erweckt. Genau daran ist Herzog gescheitert.

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Und das ist tragisch, denn die Lebensgeschichte der Gertrude Bell ist tatsächlich großartiger Kinostoff. Und natürlich beherrscht Herzog auch das epische, hollywoodtaugliche Abenteuerkino. Er kann die Wüste zeigen, in ihrer Majestät und Unerbittlichkeit, kann einfangen, wie der Wind über den Sand fährt und den Menschen zum Ausgelieferten macht, zum weißen Schatten in gleißender Unendlichkeit. Und er kann Franco dazu bringen, nicht nur der Charmeur zu sein, der spitzbübische Trickser und Spieler, sondern auch ein tief empfindender Verliebter und Melancholiker, einer, der in Bell endlich eine Seelenverwandte gefunden hat. Und es aufnehmen kann mit einer starken Frau.

Aber es bleibt doch vieles hölzern mit einer Hauptdarstellerin, die nicht aufhören kann, schön sein zu wollen, unantastbar, perfekt. Gerade in den entscheidenden Szenen, wenn die Verzweiflung sie packt oder Kummer sie einholt, sieht man fast, wie Kidman Luft holt für den großen Auftritt und sich ihre Szenen erkämpfen will. Dabei müsste sie einfach nur sein vor der Kamera, nicht so viel spielen. Man würde ihr ja abnehmen, dass sie selbst zornige Beduinen-Scheichs bezirzen kann, tagelangen Kameltouren durch die Wüste zäh standhält und sich von britischen Offizieren schon gar nicht von der nächsten Expedition abhalten lässt. Das Tapfere, Widerborstige, Durchsetzungsstarke ist bei ihr immer auch charmant. Aber wenn die Gefühle Tiefe gewinnen müssen, wenn es ins dunkle Fach geht, dann tritt das Gespielte zu Tage. Dann will die Kidman sich keine Hässlichkeit erlauben. Doch ohne Momente der Zermürbung, der Lebenserschöpfung, des Selbstkontrollverlusts ist eine Heldin nicht glaubhaft, die doch in die Wüste zieht, um auch die inneren Wüsten zu erkunden.

Davon hätte einer wie Herzog erzählen können; und vielleicht waren es diese Abgründe, die er gescheut hat. Nun hat er bewiesen, dass er einen großen Stoff souverän in opulentes Hollywood-Kino verwandeln kann. Er kann auch dieses Genre, der alte Fuchs. Schade nur, dass er sich jedes irritierende Moment versagt hat. Seine Wüstenexpedition mit Kidman ist so perfekt gelungen, dass sie gescheitert ist.

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