Kino-Kritik: Gefangen im eigenen Körper
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 27.03.2008 - 09:38Düsseldorf (RP). Er hat den Charme des jungenhaften Siegertypen. Ein Mann, der genießen kann, großzügig ist, das Leben liebt und die Frauen. Einer, der spielend Erfolg hat. Einer, dem alles unverkrampft gelingt. Bis Jean-Dominique Bauby der Schlag trifft.
Sein Stammhirn wird geschädigt. Als er aus dem Koma erwacht, ist sein Körper gelähmt, das Sprachzentrum tot. Sein Geist aber ist intakt, das Gedächtnis arbeitet – und die Fantasie. Bauby leidet am Locked- In-Syndrom, ist eingesperrt in seinen Körper. Den empfindet er wie einen Taucheranzug, eine tote Hülle, in der sich alles dumpf anfühlt, weit weg, ausgesperrt. Regen kann er nur das linke Augenlid. Blinzeln wird seine Sprache.
Man kann versuchen, Worte für dieses Schicksal zu finden, es schrecklich nennen, beängstigend, unerträglich. Eindringlicher aber ist es, Bilder von diesem Schicksal erzählen zu lassen. Filmbilder, die den Zuschauer in die Perspektive des Kranken zwingen, hinter das eine Augenlid, das noch einen Blick für die Welt hat.
Diese Perspektive wählt Julian Schnabel in seinem Film „Schmetterling und Taucherglocke“, und es ist beeindruckend, wie er diese Enge des Blicks durchhält, sie dem Zuschauer verordnet und ihm gerade so den Horizont weitet. Denn obwohl der Zuschauer durch die klaustrophobe Ästhetik Baubys Schicksal zunächst als schlimmsten anzunehmenden Krankheitsfall miterlebt, entdeckt er im Verlauf des Films eben doch die Spielräume, die ein kreativer Mensch sich auch bei nahezu kompletter Auslöschung seiner Kommunikationsund Bewegungsmöglichkeiten erhalten kann.
Bauby bewahrt seinen Humor, seine Fantasie, seine Träume. Bauby bleibt Bauby. Und er kämpft mit aller Kraft darum, das auch mitzuteilen, in Kontakt zu bleiben mit der Welt. Darum ist es nicht Mitleid, das dieser Film im Zuschauer auslöst, sondern Achtung vor dem Wilfrelen dieses Menschen. Und vielleicht auch ein wenig Erleichterung darüber, dass Menschsein allen biologistischen Tendenzen unserer Zeit zum Trotz eben nicht in erster Linie Körpersein bedeutet, sondern in den Gedanken und Emotionen eines Menschen steckt. Und in seiner Sehnsucht, sich auszutauschen, Mitmensch zu sein.
Schnabels Film ist die Adaption eines Buches, das Jean-Dominique Bauby selbst geschrieben hat. Nach seinem Hirnschlag lernte er kommunizieren mit Hilfe eines Alphabets, das nach der Häufigkeit geordnet ist, mit der die Buchstaben in der Sprache vorkommen. Helfer sprechen ihm dieses Alphabet immer wieder vor, bis er blinzelt, so einen Buchstaben auswählt und auf diese mühevolle Art Worte, ganze Sätze zusammenbuchstabiert. Um das Buch über sein Schicksal schreiben zu können, musste Bauby ganze Passagen im Kopf entwerfen, auswendig lernen, dann Silbe für Silbe buchstabieren. Der Film erspart dem Zuschauer die Mühseligkeit dieses Unterfangens nicht. Immer wieder muss er hören, wie eine Logopädin, später eine Sekretärin, dieses Alphabet aufsagt und auf Blinzler wartet. Geduld wird dem Zuschauer abverlangt, ohne dass er sich je langweilen müsste.
Überzeugend an diesem Film ist auch, dass er so unsentimental erzählt ist. Bauby werden auch negative Seiten zugestanden. Da sitzt seine ehemalige Ehefrau am Krankenbett und liest ihm Briefe vor, als Baubys Geliebte anruft – ein junges Model, für das er vor dem Hirnschlag Frau und Kinder verließ. Da an diesem Tag keine Logopädin Dienst hat, muss die Ehefrau Baubys Liebesbotschaften an die Geliebte übersetzen. Das ist brutal. Und es zeigt, dass Bauby er selbst geblieben ist, so egoistisch, so kompromisslos, wie er war.
Vorgeschichten wie seine Affäre mit dem Model werden in kurzen Sequenzen eingeschoben. Sie erlösen den Zuschauer für ein paar Minuten aus der Locked-In-Perspektive und skizzieren das Leben Baubys vor dem Hirnschlag meisterlich.
Da rasiert Bauby einmal seinem alten Vater (Max von Sydow) das Gesicht. Er möchte, dass der alte Herr gut aussieht, gerne in den Spiegel blickt. Eine belanglose Szene, die bei Schnabel aber von der Liebe des Sohnes zu seinem alten Vater erzählt. Später erlebt man dann, wie dieser Vater in der Klinik anruft und es nicht schafft, Fassung zu bewahren. Die Fallhöhe zwischen beiden Szenen ist enorm: Der fürsorgliche Sohn ist zum Fürsorgefall geworden, und es ist schwer mitanzusehen, wie dieses Wissen einen alten Mann zerstört.
So versucht „Schmetterling und Taucherglocke“ nicht, ein schreckliches Schicksal zu verharmlosen. Der Film ist keine feige Suche nach dem Guten im Schlechten. Er ist die Beschwörung der Menschlichkeit, die nicht abhängt vom Funktionieren eines Körpers. Bauby hat sich diese Menschlichkeit bewahrt, indem er durch das Blinzeln eines Auges ein Buch schrieb. Wenige Tage nach Erscheinen ist Jean-Dominique Bauby gestorben.
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