Depressions-Drama "Helen": Gefangen in der Depression
VON THOMAS KLINGENMAIER - zuletzt aktualisiert: 26.11.2009 - 10:14(RP). Nach ihrer melancholischen Komödie über die Köchin "Bella Martha" nimmt sich die Regisseurin Sandra Nettelbeck nun das schwere Thema einer psychischen Erkrankung vor. In "Helen" zeichnet sie das Porträt einer Musikprofessorin, die die Lust am Leben verliert – gespielt von Ashley Judd.
Depressionen sind keine Wehwehchen. Das war der deutschen Öffentlichkeit wohl noch nie so bewusst wie im Moment, nach dem ganz großen und nicht nur spektakelverliebten Medienaufgebot rund um den Selbstmord eines prominenten Sportlers. Und nun kommt, als sei er für genau diese kollektive Bewusstwerdung über eine Krankheit gedreht, ein Spielfilm über das große schwarze innere Loch: "Helen". Dieser erste englischsprachige Spielfilm der deutschen Regisseurin Sandra Nettelbeck ("Bella Martha") ist mit Ashley Judd halbwegs prominent besetzt, und er war der 1966 in Hamburg geborenen Filmemacherin ein persönliches Anliegen: Elf Jahre lang hat sie sich bemüht, diesen Stoff in einer Branche durchzusetzen, die depressive Hauptfiguren für Kassengift hält.
Ein oberflächlich glückliches Leben
Dabei führt Helen genau jenes Leben, das Hollywood sonst Identifikationsfiguren gönnt: sie ist talentiert, kreativ, erfolgreich, wohlhabend, intelligent, warmherzig, glücklich verheiratet. Die Musikprofessorin, ihr Ehemann (Goran Visnijc) und ihre Tochter (Alexia Fast) geben eine Familie ab, die sofort für die heilen Bilder einer Wahlplakatserie posieren könnte.
Aber Nettelbeck zeigt uns bald, anlässlich einer Geburtstagsfeier, dass äußere Geborgenheit und innere Unordnung nichts miteinander zu tun haben. Womit ein großes Verdienst dieses Films bereits genant wäre: Er versucht nicht, Depression zu erklären, sie herzuleiten, sie als Infektion zu zeichnen, die einen benenn- und beseitigbaren Auslöser besitzt und die bei richtiger Behandlung spurlos wieder verschwinden wird.
Ein mutiger Film
"Helen" ist ein sehr mutiger Film, denn er zeigt etwas, das er selbst nicht wirklich kontrollieren, ausdeuten, in die Bahnen der Konvention lenken kann. Er zeigt uns stattdessen Kontrollverlust, Krankheitsschübe, Zerstörungsphasen und vor allem die wachsende Angst eines Menschen, der sich selbst nicht mehr vertrauen kann. Helen hatte früher schon einmal eine Depressionsphase, sie kennt das Elend bestens. Will heißen: Sie steckt tief in einer Zwickmühle. In den Phasen der Krankheit ist sie zermürbend düster gestimmt. In Phasen, in denen die Krankheit sie wieder ein wenig loslässt, hat sie durch die schlichte, nüchterne, wägende, gesunde Abschätzung ihrer näheren Zukunft allen Grund, im Volksmund-Sinne depressiv zu werden.
Wie weit dieser Film geht, wie sehr er sich von den Klischees des Psychiatriefilms löst, zeigt auch sein Umgang mit dem heiklen Thema der Elektroschockbehandlung. Die wird – "Einer flog über das Kuckcucksnest" ist wohl das prominenteste Beispiel – in Filmen gern als skrupellose Folter gezeigt, als Machtmissbrauch gegenüber Wehrlosen, als Aggression gegenüber Abweichlern. "Helen" zeigt die Methode eher als medizinischen Eingriff, dessen extreme Abweichung von der Tee- und Halswickel-Idee von Hausmedizin zeigt, wie extrem die Krankheit ist.
Großartige Schauspielleistungen
Ashley Judd war immer eine unterschätzte Schauspielerin, und sie hat wenig Glück bei ihrer Rollenauswahl gehabt. In "Helen" macht sie Verfall und Elend ihrer Figur stets glaubhaft. Sie lässt uns mitleiden, ohne uns zu bedrängen. Sie spielt für ihre Figur, nicht für den Oscar-Abend, und wenn sie vor unseren Augen verfällt, aus der Spur gerät, nach innen wegbricht, wenn der Blick auf die Leinwand wirkt, als schaue man einer Gestalt zu, die sich fallend von uns entfernt, obwohl sie optisch nicht kleiner wird, dann sind wir gerührt, ohne dass Rührseligkeit aufkommt.
Wer nicht will, dem kann nicht geholfen werden. Das ist ein harter Satz, der in vielen medizinischen und sozialen Notlagen seine Berechtigung hat. "Helen" erzählt von einer Situation, in der er so falsch wie nur möglich ist. Helen möchte, dass man ihr hilft. Alle um sie herum möchten ihr helfen. Aber was immer sie unternehmen, es tritt keine Besserung ein. Im Kontrast von behaglicher bürgerlicher Lebenswelt und mächtigen Klinikburgen hie und dem verwüsteten Menschlein da geht uns hier auf, wie wenig Macht wir über das eigene Schicksal haben. Helen ist eine Figur, der man nicht einmal das Beste wünschen kann, weil schon dieser Wunsch klingen würde wie das Bekenntnis, die Situation nicht richtig verstanden zu haben. Man sieht der Frau eine Weile zu und weiß dann, dass es kein Happy End geben wird. Es braucht ein wenig Mut, sich das anzuschauen.
Bewertung: 4 von 5 Sternen
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