Kino-Kritik: Geschichten im Crachkurs
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 24.01.2008 - 08:58Düsseldorf (RP). Verschollene Tagebuchseiten, ausgestorbene Sprachen, denen post mortem geheime Codewörter zu entlocken sind, Schatzkarten, die zu einer versunkenen Stadt aus purem Gold führen – wenn Walt Disney Historiker zu Helden macht und die Zuschauer für die amerikanische Geschichte begeistern will, dann ist eines nicht zu befürchten: archivlufttrockene Langeweile.
Vielmehr wird die akribische Wissenschaft vom Vergangenen zum großen Abenteuer und das Zusammenfügen kleinster Hinweissplitter zu einer Frage der Ehre. Denn auf wundersame Weise sind die Vorfahren derer, die sich da so kurzweilig durch die Geschichte wühlen, persönlich in die entscheidenden Ereignisse der amerikanischen Geschichte verstrickt. Doch muss ihr Andenken gegen geschichtsfälschende Widersacher verteidigt werden, die demselben Schatz nachjagen.
Dieses Indiana-Jones-Geschichtsverständnis muss man mögen, will man sich von der Fortsetzung des Kassenschlagers „Das Vermächtnis der Tempelritter“ gut unterhalten lassen. Im neuen Film von Jon Turteltaub geht Wissenschaftler Ben Gates (Nicolas Cage) wiederum mit Computer-Expertenfreund Riley (Jon Voigt) auf historische Schnitzeljagd.
Diesmal gilt es aber nicht, einen von Freimaurern verborgenen Schatz zu heben. Vielmehr muss zunächst nur das angekratzte Ansehen eines Gates-Vorfahren wieder glattpoliert werden. Als nämlich plötzlich die verschollenen Seiten aus dem Tagebuch des Präsident-Lincoln-Attentäters auftauchen, sieht es zunächst so aus, als sei der Gates-Urgroßvater in den Mordanschlag verstrickt.
Eine hübsche Rückblende in die Gründertage der Vereinigten Staaten zum Filmeinstieg hat den Zuschauer natürlich längst eines Besseren belehrt. Er wird Augenzeuge der Geschichte, wie sie wirklich war, und ist somit bestens gerüstet, um der Jagd des jungen Gates nach Beweisen für die Unschuld seines Ahnen mit rechtem Eifer zu folgen.
Und dann wird alles noch viel komplizierter. Rätsel müssen entschlüsselt, geheime Botschaften zusammengestückelt werden. Leider sind die Geheimtextbrocken in wenig zugänglichen Möbeln versteckt, nämlich im Schreibtisch der britischen Queen und dem des amerikanischen Präsidenten. Doch Gates wäre nicht Gates, wären die abgeschirmtesten Räume der Welt für ihn nicht zugänglich.
So mischt sich historisches Rätselvergnügen mit einer „Mission impossible“. Der atemberaubte Zuschauer reist von Hauptstadt zu Hauptstadt, schaut in hochgesicherte Privatgemächer, erlebt Verfolgungsjagden durch belebte Innenstädte, dass die Kotflügel nur so flattern, und kann sich nebenher über zwei Ehekrisen amüsieren, deren friedliches Versiegen von Anfang an wohlig in der Luft liegt.
Ben Gates ist nämlich nach der glücklichen Vereinigung mit der attraktiven Archivarin Abigail (Diane Kruger) im Tempelritterabenteuer in die Phase der ersten Ehekrise eingetreten. Abigail hat das Rechthaben angefangen, und so zog Ben es vor, ins Jugendzimmer bei Vattern zurückzuziehen. Doch Schatzsuchen ohne Abigail geht nicht, und so schweißt die neue Aufgabe beide bald wieder zusammen.
Bei Vater Gates hingegen reicht das Ehezerwürfnis tiefer. 30 Jahre sprach er nicht mit Mutter Gates, die jedoch zur Schatzsuche ebenfalls unentbehrlich ist. Also ist Zukreuzekriechen gefordert, was umso köstlicher zu beobachten ist, als Helen Mirren diese Mutter Gates spielt und nun mal niemand mit so unterkühlter Herzenswärme wie sie Menschen abblitzen lassen kann.
Erst im dritten Teil von „Das Vermächtnis des geheimen Buches“ verliert die Schatzsuche etwas an Schwung. Nicht weil die Dichte der Actionsequenzen abnähme. Vielmehr sind immer größere Unwahrscheinlichkeiten zu vollbringen, um am Ende den in Stein gehauenen Präsidenten Amerikas auf dem Kopf herumzutanzen und so das lange Rätsel mit einer dümmlichen Pointe zu lösen. Das setzt freilich neue Gefahren frei – und den Überdruss, wegen eines derart lapidaren Entschlüssellungsfinales so lange mitgebangt zu haben.
Doch so ist das nun mal: Wer sich mit Disney auf historische Spurensuche begibt, sollte gefälligst Rätsel raten, ohne viel nachzudenken. Mit kindlicher Begeisterung. Gute Unterhaltung wird sein Lohn sein.
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