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Kino-Kritik: Gezeichnete Kriegs-Alpträume

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 06.11.2008 - 07:41

Düsseldorf (RP). Immer wieder dieser Albtraum: Drei junge Männer steigen nachts aus dem Meer. Sie bewegen sich langsam, wie im Schlaf, verlassen das Wasser als sei es eine schützende Hülle. Die Jungs sind fast nackt, auf ihren Knabenbrüsten baumeln ihre Armee-Kennmarken. Das Licht ist giftgelb vom Schein der Leuchtraketen, die am Ufer über den Wohnblocks verglühen. So gespenstisch, so befremdlich, so bedrohlich kann Zeichentrick sein – wie gemacht, um Albträume wirklich werden zu lassen.

Szene aus "Waltz with Bashir".  Foto: Pandora
Szene aus "Waltz with Bashir". Foto: Pandora

Doch in „Waltz with Bashir“ sind nicht nur die Albträume gezeichnet, sondern auch die Realität. Der israelische Regisseur Ari Folman nutzt die Kunstform Zeichentrick, um den Dokumentarfilm zu revolutionieren. Folman hat sich auf eine sehr persönliche Erinnerungsreise begeben. Als junger Soldat war er 1982 bei der Invasion Israels in den Libanon dabei, doch kann er sich mehr als 20 Jahre später an wenig erinnern. Also besucht er frühere Kameraden, spricht mit Psychologen, Kriegsbeobachtern, Militärs, um herauszufinden, was er selbst in jenen Tagen getan, und warum er das meiste davon so gründlich verdrängt hat.

Ältere Männer sprechen in die Kamera – das wäre aus dieser Reise filmisch geworden, hätte Folman eine herkömmliche Dokumentation gedreht. Doch er entschied sich, die Interviews nachträglich zeichnen zu lassen und durch das zu ergänzen, was sich niemals hätte filmen lassen: seine traumatischen Fantasien, die Erinnerungsbruchstücke, die Bild um Bild in sein Gedächtnis zurückdrängen.

Etwa jene Panzerfahrt irgendwo durch dichtbewachsenes Gebiet im Libanon. Folman und seine Kameraden schießen wie wild in das Dickicht, ziellos, aus purer Panik. Später schickt ein Kommandant sie den Weg zurück, um verletzte und getötete Kameraden einzusammeln und zu einem Flugplatz zu bringen. Dort stehen schon Bahren auf dem Rollfeld mit Verwundeten, die man mit schimmernder Silberfolie zugedeckt hat – Bilder, die gerade gezeichnet so surreal verstörend sind, dass der Zuschauer bald versteht, warum Ari Folman sie verdrängte.

Doch das Schlimmste steht noch bevor. Denn mit jeder Verdrängungsschicht, die Folman abträgt, wird ihm klarer, was der eigentliche Kern seines Vergessens ist: die Massaker von Sabra und Schatila. Folman war dabei, als christliche Verbündete der Israelis, die libanesischen Falangisten, mindestens 800 Palästinenser in den Flüchtlingslagern von Sabra und Schatila nahe Beirut ermordeten. Die Massaker sind ein dunkler Punkt in der israelischen Geschichte, denn die Israelis griffen nicht ein, und so wurden wehrlose Menschen umgebracht. Folman hat die Massaker nicht direkt beobachtet, aber er hat auch deutliche Anzeichen nicht richtig gedeutet. An diesen Punkt dringt Folmans Erinnerungsreise vor.

Leider zieht der Film falsche Vergleiche zwischen Auschwitz und den schrecklichen Ereignissen in den Flüchtlingslagern. Die systematische Ermordung von vielen Millionen Menschen ist ein Verbrechen anderer Qualität als das Nichteingreifen einer Armee, die den Tod von Zivilisten hätte verhindern können. Doch in welches Leid die Morde in den Flüchtlingslagern die Überlebenden gestürzt hat, zeigt dieser ungewöhnliche Film mit bestürzender Klarheit: In den Flüchtlingslagern angelangt, wechselt Folman nämlich für wenige Szenen aus dem Zeichentrick zu realen Bildern. Nie sah man das verzweifelte Klagen von Hinterbliebenen mit solcher Wucht.

„Waltz with Bashir“ ist nach dem iranischen Zeichentrickfilm „Persepolis“ ein weiterer Beweis dafür, welche Wirkung die Trickästhetik als Verfremdungseffekt entfalten kann. Gezeichnet wirkt die Realität abstrakter, allgemeingültiger und zugleich doch radikal subjektiv. Und dieser Widerspruch ist gerade für eine Dokumentation überaus brauchbar. Gibt Folman durch seine gezeichneten Bilder doch klar zu erkennen, dass seine Reise in die eigene Erinnerung absolut persönlich ist, eine Selbsttherapie. Zugleich aber hebt gerade der Surrealismus der gezeichneten Bilder seine Erlebnisse in den Rang kriegstraumatischer Ikonen.

So ist dieser Zeichentrickfilm eben mehr als die Dokumentation einer Suche nach der eigenen Schuld. „Waltz with Bashir“ ist ein Kunstwerk.


 
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