Biopic "Goethe!" über den deutschen Dichterfürsten: Goethe – der Held der Jugend
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 14.10.2010 - 12:13(RP). Nach dem Bergsteiger-Drama "Nordwand" legt Philipp Stölzl einen Film über den jungen Goethe vor. Darin erzählt er von der unglücklichen Liebe des Dichters zu Charlotte Buff. Seine ungewöhnlich frische Wirkung verdankt dieser Historienfilm seinem Hauptdarsteller Alexander Fehling.
Düsseldorf Diese Lotte mit den wirren Locken und dem kecken Humor geht ihm nicht mehr aus dem Sinn. Wie er sie daheim überrascht hat, als sie gerade die Brote in den Ofen schob und ihre Geschwisterschar in Schach halten musste und so allerliebst aussah in all dem Getümmel. Nichts lässt Gesichter jugendlicher glühen als ein wenig grauer Mehlstaub auf den geröteten Wangen. Also befiehlt Goethe, sein Pferd zu satteln und prescht hinaus zu ihr durch die goldenen Felder vor Wetzlar, ein verliebter Draufgänger, ganz Sturm und Drang.
Ein Porträt des jungen Dichtergenies Johann Wolfgang von Goethe hat sich Philipp Stölzl für seinem neuen Film vorgenommen, und so setzt er hinter den schlichten Titel "Goethe" ein Ausrufezeichen. Der ungestüme, der empfindsam-genialische Jungliterat soll gefeiert werden, ein radikaler Schöngeist, der sich in der Provinz auf die Juristerei konzentrieren soll und sich nur um so entschiedener verliebt. Unglücklich natürlich.
Goethe für junge Zuschauer
Das ist der Stoff, mit dem Stölzl auch junge Zuschauer für den größten deutschen Dichter gewinnen will. Es ist auch der Stoff, aus dem Goethe selbst "Die Leiden des jungen Werther" gemacht hat. Und so biegt sich dieser Film eben die Historie zurecht und steuert dramaturgisch geschickt auf dieses Finale zu: darauf, dass Goethe in tiefster Verzweiflung seinen Briefroman aufs Papier wirft und über Nacht berühmt wird. Ein Pop-Literat des 18. Jahrhunderts. Einer, der dem Geist seiner Zeit die rechten Worte einhauchte.
Es ist eine erprobte Strategie von Filmregisseuren, die Genies vergangener Epochen als verkannte Rebellen in Szene zu setzen, um so Aufmerksamkeit für ihre Person zu wecken. So hat schon Milos Forman aus Mozart einen übermütigen Komponistenstar mit Punkfrisur und irrem Lachen gemacht und mit "Amadeus" die Kinosäle gefüllt.
Kein dröger Kostümfilm
Stölzl geht zurückhaltender vor. Zwar dichtet er Goethe allerhand dramatische Erlebnisse an, so muss er sich im Film etwa duellieren und einem Freund beim Selbstmord zusehen. Doch Stölzl macht aus Goethe keinen kindischen Hochbegabten am Rande des Wahnsinns, sondern einen durchaus selbstbewussten Spross aus gutem Hause, der entschlossen ist, seine Liebe zur Literatur gegen den Willen des gestrengen Vaters durchzusetzen. Und so ist die Ausbildung als Referendar am Reichkammergericht zu Wetzlar für ihn nur ärgerliche Zeitverschwendung. Eigentlich will er doch leben, lieben, Erfahrungen machen, die sich in edle Reime fassen lassen.
Dass diese Geschichte nicht zum drögen Kostümfilm verkommt, sondern einen überraschend frischen, lebhaften Eindruck macht, hat Stölzl vor allem seinem Hauptdarsteller zu verdanken. Alexander Fehling hat im Kino bereits bemerkenswerte, aber leider wenig beachtete Auftritte gehabt, etwa in "Am Ende kommen Touristen" oder in "13 Semester". Und Peter Stein holte ihn für seine gewaltige Wallenstein-Trilogie in Berlin auf die Bühne. Das jugendlich Temperamentvolle, das er dort zeigte, macht nun auch seine Darstellung in "Goethe!" so überzeugend und sympathisch. Dieser Darsteller wirkt wie aus der Gegenwart gegriffen und fügt sich doch ins historische Bild. Wenn er seiner Lotte in einer Wiese seine Liebe in Gedichtform gesteht, dann wirkt die gereimte Sprache fast natürlich, als müsse der hohe Ton einfach sein. Man ahnt dann, dass Goethe wahrscheinlich ganz anders war, aber es macht Spaß, sich den Dichter als jugendlichen Helden vom Charme dieses Fehling vorzustellen.
Bleibtreu bleibt steif
Moritz Bleibtreu dagegen mangelt es leider völlig an dieser historische Chamäleonhaftigkeit. Stets wirkt er wie hinein montiert in die Kulisse des 18. Jahrhunderts, was wohl vor allem daran liegt, dass sein Gesicht schon zu oft in modernen Stoffen zu sehen war. Bleibtreu lässt sich einfach nicht mehr in andere Epochen beamen. Das war ein Problem in "Jud Süß", das ist eines in "Goethe!". Aber nur ein kleines, denn Bleibtreu spielt nur Goethes Rivalen Kestner, einen humorlosen Aktenfresser, der dummerweise bei Lotte das letzte Wort haben wird. Diese Figur darf ruhig ein wenig Fremdkörper bleiben.
Natürlich bedient auch Stölzl manches Klischee. Da gibt es die wilden Ritte in die Natur, die natürlich beim Bad im See enden. Da watet Goethe in Wetzlars Straßen durch den Schlamm, weil sich inzwischen auch unter Filmleuten herumgesprochen hat, dass vergangene Jahrhunderte schmutzig waren. Und wie die platonische Liebe zu Lotte im Film dann doch die Unschuld verliert, ist nach romantischen Gemälden in Szene gesetzt. Doch dafür gibt es diese Szenen mit feinem Humor, etwa, wenn Goethe seinen Vater Henry Hübchen von seiner neuen Literatenkarriere berichtet und just die Ablehnung seines jüngsten Manuskriptes eintrifft. Dieser "Goethe!" könnte tatsächlich auch ein junges Publikum finden. Das Ausrufezeichen hat der Film verdient.
Bewertung: 4 von 5 Sternen
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