Faszinierender Dokumentarfilm "Im toten Winkel: "Götterdämmerung" im Nazi-Bunker
zuletzt aktualisiert: 29.04.2002 - 09:46Frankfurt/Main (rpo). Adolf Hitler treibt die Deutschen, und nicht nur diese, auch bald 60 Jahre nach seinem Tod um. Immer geringer wird die Zahl der Menschen, die den Dämon aus Braunau noch selbst erlebt haben;
noch weniger sind es, die den Nazi-Diktator auch gekannt haben. Die knapp 100-jährige Filmemacherin Leni Riefenstahl gehört dazu, auch Wolfgang Wagner, der Patriarch auf dem Grünen Hügel in Bayreuth. Und bis zum 11. Februar 2002 zählte Traudl Junge zum Kreis jener, die einer der schrecklichsten Gestalten der Geschichte über längere Zeit ganz nah waren.
Von 1943 bis zur "Götterdämmerung" im Bunker der Reichskanzlei 1945 war die 1920 in München geborene Junge eine der Privatsekretärinnen des "Führers". Ihr hat er kurz vor seinem Selbstmord am 30. April sein "Politisches Testament" diktiert. Bereits 1947/48, also noch in frischer Erinnerung, hat Junge ihre Erlebnisse an diesem ganz besonderen Arbeitsplatz zu Papier gebracht. Doch erst in diesem Jahr ist das als Buch erschienen.
Noch spektakulärer aber ist der Dokumentarfilm "Im toten Winkel", den André Heller und Othmar Schmiderer mit der bereits schwer kranken alten Frau erstmals bei der diesjährigen Berlinale präsentiert haben und der nun ab dem 2. Mai in die Kinos kommt. Traudl Junge kann das nicht mehr erleben, denn sie ist wenige Stunden nach der Uraufführung des faszinierenden Films, in dem sie ihre Geschichte erzählt, gestorben - wie befreit von einer Last, die Jahrzehnte auf ihrer Seele gelegen hatte. Es ist die Erzählung einer alten, geistig hellwachen und intelligenten Frau, die mit 22 Jahren einzig auf Grund ihrer Perfektion an der Schreibmaschine ins engste Machtzentrum des Hitler-Reiches gelangt.
Dort geht es - fernab der blutigen Kriegsfronten und der rauchenden Schornsteine der Vernichtungslager - bürgerlich bieder zu, der große Brandstifter wird als höflicher, auch charmanter Mann gezeichnet, der aus der Nähe betrachtet kaum etwas ahnen ließ von dem suggestiven Demagogen, der die Deutschen in den tiefsten Abgrund ihrer Geschichte führte. Es hat Diskussionen darüber gegeben, ob es nicht eine Gefahr darstellt, die menschlichen Züge Hitlers so für ein großes Publikum zu offenbaren. Doch wer den gesamten Film bewertet, wird diese Bedenken als unsinnig bezeichnen müssen.
Denn Traudl Junges teilweise Entdämonisierung einer geschichtlichen Gestalt beweist nur abermals jene "Banalität des Bösen", die Hannah Arendt schon anlässlich des Prozesses gegen den Schreibtischtäter Adolf Eichmann analysiert hatte. Heller hat dazu gesagt: "Das ist der Bruder Hitler, dieser Massenmörder. Das geht uns natürlich sehr viel mehr an, als zu sagen: Der war keiner von uns." Der Diktator, den Junge in seinem Abstieg und kurz vor der Höllenfahrt schildert, eignet sich wahrlich nicht zur Idolisierung für Neo-Nazis.
Höhepunkt des Filmdokuments sind jene 25 Minuten Monolog der alten Frau, in denen sie - ohne jeden Schnitt - die gespenstischen, an Absurditäten nicht zu übertreffenden letzten Tage im Bunker schildert. Und wenn sie vom Tod der von ihrer Mutter vergifteten Kinder des Propagandaministers Joseph Goebbels erzählt, da überkommt Junge noch einmal die Erinnerung an das Schreckliche dieser Tat, das Unglück der Unschuldigen, und sie weint.
Zwei Jahre im Leben eines damals noch sehr jungen und sehr ahnungslosen Mädchens haben das gesamte Leben dieser Frau bestimmt, belastet und gequält: "Ich bin feige gewesen, ich habe mich dem nicht gestellt, ich hätte mehr wissen sollen." Die späte Beichte vor der Kamera ist ein Dokument, das noch viele Jahre gezeigt werden wird und kommenden Generationen bezeugen wird, dass der Irrsinn einst Realität war in Deutschland.
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