Schön anzuschauen aber nicht ergreifend: "Gosford Park" mit britischer Schauspielelite
zuletzt aktualisiert: 10.06.2002 - 10:39Frankfurt/Main (rpo). Die Besetzungsliste von "Gosford Park" liest sich wie ein Who is Who der britischen Film- und Bühnenstars. Genau das macht die Qualität des Berlinale-Beitrags von Robert Altman aus. Der US-Regisseur hat wieder ein cineastisches Ereignis geschaffen.
Das gilt auch dann, wenn "Gosford Park" gewiss nur einen beschränkten Kreis von Besuchern ansprechen wird.
Auch nach 137 durchaus amüsanten Minuten in und um den titelgebenden Schauplatz der mittelenglischen Grafschaft ist nicht recht ersichtlich, von welchem Interesse die gesellschaftliche Spaltung zwischen Adelsgesellschaft und Dienerschaft im England des Jahres 1932 für heutige Besucher eigentlich sein könnte. Dem wie stets von Altman virtuos inszenierten Panoptikum der handelnden Personen sieht man zwar gerne zu. Aber wenn der Film vorbei ist, kommt nicht das Gefühl auf, diese vielen Leute von Gosford Park unbedingt kennen gelernt haben zu müssen.
Es ist schon eine illustre Wochenendgesellschaft, die sich da auf Einladung von Sir William McCordle, eines erfolgreichen Fabrikanten, und dessen viel jüngerer Frau Sylvia, die den Adelstitel wie Großgrundbesitz in die keineswegs glückliche Ehe eingebrachte, versammelt hat. Auch Lady Constance ist in Begleitung ihrer jungen Kammerzofe Mary gekommen. Und der britische Stummfilmstar Ivor Novello, ein begnadeter Sänger, ist ebenso mit von der Partie wie der Hollywood-Produzent Morris Weissman. Bei den Dienstboten führen Butler Jennings und Hausdame Mrs. Wilson das Regiment.
Eine besondere Rolle spielt das lebenslustige Hausmädchen Elsie, denn sie hat ein Verhältnis mit dem Hausherrn Sir William. Der ist nämlich ein notorischer Schürzenjäger, was nicht ohne Folgen bleiben wird. Es gibt jede Menge Querverbindungen in diesem Film, und Altman ist sichtlich in seinem Element. In Filmen wie "Short Cuts" oder "Nashville" hat er das eindrucksvoll bewiesen, "Gosford Park" dokumentiert erneut die Meisterschaft des Amerikaners. Doch der Blick aufs Geschehen ähnelt dem auf ein buntes Aquarium: Schön anzuschauen, ergreifend indessen nicht.
Was den Film gleichwohl unbedingt sehenswert macht, sind die vielen hervorragenden Schauspieler, die sich mit sichtlicher Freude unter der Regie des großen Altman bewegen: Kristin Scott Thomas, Maggie Smith, Hellen Mirren und Emily Watson, um nur die bekanntesten Namen unter den weiblichen Mitwirkenden zu nennen; Michael Gambon, Jeremy Northam, Alan Bates, Richard E. Grant und etliche andere bei den männlichen Darstellern. Der Besetzungsliste gehört die Elite britischer Bühnen- und Filmstars an.
Sie alle dokumentieren das hohe schauspielerische Niveau eines Landes, aus dem Hollywood nicht grundlos immer wieder einige seiner größten Stars importiert. Altman ist der kalifornischen Filmmetropole mit einer Art Hassliebe verbunden, umgekehrt ebenso. Diesmal ist er nach Europa ausgewichen, denn in Amerika hätte er für einen Film wie "Gosford Park" kein Geld bekommen. Der alte Meister nimmt das gelassen: "Sie machen Schuhe für den Massenmarkt, ich mache Handschuhe." Mit "Gosford Park" hat Robert Altman einen Handschuh mehr für den Nachruhm gestrickt.
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