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"Drag Me to Hell": Großes Horror-Kasperletheater

VON PETER STEINHART - zuletzt aktualisiert: 11.06.2009 - 10:45

(RP). Der Regisseur der Spiderman-Filme, Sam Raimi, legt mit "Drag Me to Hell" einen Horrorfilm vor, der durch verwegene Stunts, traditionellen Grusel und aufregende Kamerafahrten bestens unterhält. Allerdings müssen die Zuschauer sich auch auf drastische Ekeleffekte gefasst machen.

 Foto: Universal Pictures
Foto: Universal Pictures

Manchmal gibt es Pausen zwischen den Attacken des Dämons. Dann muss sich Christine gegen ganz gewöhnliche menschliche Niedertracht wehren. Gegen den neuen Kollegen in der Bankfiliale etwa, der es sofort schafft, sie vor dem Chef wie ein dummes Trotzköpfchen aussehen zu lassen. Oder gegen die versnobte Mutter ihres Freundes Clayton mit den bohrenden Fragen nach ihrem Elternhaus – da erringt Christine sogar einen kurzen Sieg durch einen Ausbruch von Ehrlichkeit.

Das moderne Los Angeles, in dem sich Christine bewegt, steckt voller altmodischer Merkwürdigkeiten: Was für archaische Formen von Standesdünkel und frauenfeindlicher Männerbündelei! Und dann diese alte Frau, die in Christines Bank um die Stundung ihrer Hypotheken-Raten bittet, sich wie ein Ausbund verstaubter Klischees von "Zigeunerhexe" aufführt. Ausgerechnet bei dieser Mrs. Ganush soll Christine Mut zu "harten Entscheidungen" zeigen, wenn sie Karriere machen will. So wünscht es ihr Chef, und Christine gehorcht. Und dafür wird nicht der Chef, sondern die arme Christine verflucht, denn natürlich verfügt die abgewiesene alte Hexe über gewaltige magische Kräfte.

Foto: UPI, AP

Sam Raimi hat eine Pause zwischen zwei "Spider-Man"-Kolossalfilmen nicht einfach genutzt, um zu seinen Anfängen als Horror-Spezialist zurückzukehren. Er ging noch einen Schritt weiter zurück. "Drag Me to Hell" ist gerade deshalb ein teuflisch unterhaltsamer Spaß, weil er so altmodisch ist wie einst die englischen Hammer-Produktionen, die in den 1960er Jahren eine Renaissance des Horrorfilms einleiteten. Es gibt wenig Computer-Tricks, aber viel Masken- und Puppenspieler-Kunst. Und verwegene Stunts, so wie gleich bei Christines verzweifeltem Duell mit Mrs. Ganush in der Tiefgarage. Da schwelgt Sam Raimi bereits in einer solchen Orgie ungewöhnlicher Kameraführung und Montage, dass für den weiteren Weg in die Hölle nur noch die bange Frage bleibt, wie dieser Auftakt übertrumpft werden kann.

Das gelingt aber, auch weil Raimi immer wieder Pausen einlegt durch das feierliche Zelebrieren ganz traditioneller Gruselszenen – etwa die Geisterbeschwörung in einer "Seance" oder das Ausgraben einer Leiche auf dem Friedhof – ehe er zu einer neuen, furiosen Steigerung ausholt. Er spielt mit ebenso schlichten wie drastischen Ekeleffekten, und manchmal sorgen einfache Schattenspiele für Schocks, für die modische Horrorfilme à la "Hostel" ganze Folterszenen und viele verstümmelte Leichen bemühen müssen.

Vor allem wird Christines Weg in die Hölle jedoch mit jener Mischung aus Komik und Entsetzen gepflastert, die zum "Grand Guignol" gehört, dem legendären "Großen Kasperletheater", das in Paris seit dem 19. Jahrhundert mit der Inszenierung bis zur Komik übertriebener, blutrünstiger Mordszenen zum Vorbild für eine ganze Filmgattung wurde. Gerade durch die Kunst, mit Entsetzen Scherz zu treiben, blieben Sam Raimis Horror-Anfänge unvergessen. "Drag Me to Hell" kehrt noch deutlicher den Ehrgeiz heraus, mit Effekten zu arbeiten, die so simpel gestrickt sind wie eine Geisterbahn, aber so grandios inszeniert, dass sie auch ein abgebrühtes Publikum überwältigen.

Die Handlung ist vorhersehbar, aber die Typen, die in sie verstrickt sind, werden mit bemerkenswerter Sorgfalt ausgemalt. Alison Lohman ist als Christine eine puppenhaft hübsche Blondine, wird aber eine spannende Figur durch die ständige Ungewissheit, wie weit sie die Skrupel einer wohlerzogenen jungen Dame überwinden wird – erst bei ihrem Ehrgeiz, Karriere zu machen, und dann bei ihrem Kampf ums Überleben gegen den Dämon, den die gestorbene Mrs. Ganush zu neuem Leben erweckt hat. Wird die Katzenfreundin sich überreden lassen, den Dämon mit einem Tieropfer abzuwehren? Wird sie gar dem verlockenden Rat folgen, die Wut des Dämons auf einen anderen Menschen abzulenken? Sie wirft in ihrer Verzweiflung allerhand moralische Bedenken über Bord, doch nie so viel, dass sie Gefahr läuft, die Sympathie des Zuschauers zu verlieren.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Quelle: RP

 
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